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Ressourcenverschwendung in Deutschland

Mehr Papiermüll als in Afrika und Südamerika zusammen

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Deutschland hat ein riesiges Müllproblem – das stetig wächst. Jedes Jahr steht es in den Schlagzeilen: Deutschland ist größter Müllproduzent der EU. 2020 hat jede:r Deutsche durchschnittlich 476 Kilo Haushaltsabfälle produziert. Ein großer Teil davon war Altpapier. In Deutschland fiel 2019 mehr Papiermüll an als in Afrika und Südamerika zusammen. Dabei werden nur drei Viertel aller in Deutschland verkauften Produkte, die aus Zellstoff bestehen, auch in Deutschland produziert. Der Rest wird nicht selten aus ärmeren Ländern importiert, die damit einen starken finanziellen Anreiz haben, ihre Urwälder zu roden und schneller wachsende Bäume zu pflanzen, um die große Nachfrage zu befriedigen.

Aber wofür wird hierzulande das ganze Papier benötigt? Unter anderem für Werbung. Fast zehn Prozent werden für Postsendungen verwendet – mehr als die Hälfte davon für unadressierte Werbepost. Nach Angaben der Justus-Liebig-Universität Gießen werden allein in Deutschland jedes Jahr 1,3 Millionen Tonnen solcher sogenannten Print-Mailings verschickt. Für die Herstellung dieser Flyer, Prospekte und Gutscheinhefte werden Unmengen an Strom, Wasser und Holz verbraucht. Denn rund 70 Prozent davon werden aus neuem, nicht recyceltem Papier hergestelltdabei wird für die Produktion von Papier aus Altpapier nur halb so viel Energie benötigt wie für die Herstellung von Frischfaserpapier. Obwohl Studien der Deutschen Post und von Marketing­unternehmen eine gewisse Werbewirksamkeit von gedruckter Werbung nahelegen, sind laut einer Umfrage der Deutschen Umwelthilfe fast zwei Drittel der Deutschen für ein Verbot von ungefragt in den Briefkasten eingeworfener Werbung. Über 80 Prozent störe zudem die zusätzliche Müllbelastung.

Aufkleber nutzlos

Einige kleben sich deshalb einen Sticker mit der Aufschrift »Keine Werbung« auf ihren Briefkasten. Aber verringert das die Müllproduktion? Eher nicht. Denn nach Angaben der Verbraucherzentrale lehnt nur gut ein Viertel der deutschen Haushalte den Erhalt von unadressierter Werbung durch einen solchen Hinweis am Briefkasten aktiv ab. Das sind weitaus weniger als die tatsächliche Anzahl der Menschen, die keine Werbung bekommen möchten. Das wöchentlich verteilte unadressierte Werbebündel der Deutschen Post, Einkauf Aktuell, wird beispielsweise von über der Hälfte seiner Empfänger:innen selten oder gar nicht gelesen und – je nach Umfrage – sogar von bis zu 85 Prozent ungelesen weggeworfen. Zur Einordnung: Die Wurfsendung geht an bis zu 20,7 Millionen Haushalte. Und das ist nur eine von vielen Werbesendungen. Der Verein »Letzte Werbung«, der sich die Reduzierung unerwünschter Werbung in Deutschland zum Ziel gesetzt hat, rechnet vor, dass jährlich 700.000 Tonnen Papier eingespart werden könnten, wenn Menschen, die keine Werbung wünschen, auch keine erhielten. Das entspricht dem Gewicht von 70 Eiffeltürmen.

Doch die Wirksamkeit der »Keine Werbung«-Aufkleber ist fraglich. Wenn sich ein solcher Hinweis auf dem Briefkasten befindet, sollte man zwar eigentlich keine Werbepost mehr erhalten. Und wer trotzdem welche bekommt, könnte gerichtlich dagegen vorgehen. Das Problem allerdings: Der Prozess wäre ziemlich aussichtslos. Der Kläger müsste erst einmal beweisen, dass das Unternehmen beziehungsweise dessen Zusteller:in das Werbematerial – auf dem überdies keine Empfängeradresse steht – tatsächlich in den Briefkasten geworfen hat. Bis dahin kann das Unternehmen die Zustellung einfach leugnen. Ein Verbotshinweis am Briefkasten ist damit praktisch nutzlos.

In Dänemark und den Niederlanden ist es andersrum

Obwohl in Deutschland besonders viel unadressierte Werbung produziert wird, ist das Phänomen kein rein deutsches. Tatsächlich erzeugen einige Länder pro Kopf viel mehr Reklame­sendungen. Gemessen am Gewicht wird zum Beispiel in Dänemark etwa doppelt so viel Werbung pro Haushalt verschickt.

Wie kann diese enorme Ressourcenverschwendung gestoppt werden? Einen erfolgversprechenden Ansatz gibt es in den Niederlanden. Dort haben 34 Städte beschlossen, das in Deutschland übliche sogenannte Opt-out-System, bei dem man einer Zusendung widersprechen muss, durch ein Opt-in-Verfahren zu ersetzen. Das bedeutet, dass alle Haushalte grundsätzlich keine Werbung bekommen, es sei denn, sie stimmen dem ausdrücklich zu. Wer zum Beispiel schon einmal in Amsterdam war, hat vielleicht an vielen Briefkästen Aufkleber gesehen, auf denen die Wörter Ja und Nee – also Ja und Nein – in verschiedenen Kombinationen stehen. Das erste Ja beziehungsweise Nee gibt an, ob die Bewohner:innen unadressierte Werbung erhalten möchten oder nicht, und das zweite ist für Werbung, die direkt an die Bewohner:innen adressiert ist. Wenn der Haushalt nicht ausdrücklich um Werbung bittet, dürfen Unternehmen auch keine einwerfen. Theoretisch könnten niederländische Unternehmen, genauso wie deutsche, gegen diese Regel verstoßen. Anders als in Deutschland sind die niederländischen Firmen jedoch gesetzlich dazu verpflichtet, Beschwerden über unerwünschte Zustellungen innerhalb von vier Wochen zu untersuchen, wenn ein solcher Aufkleber missachtet wurde. Seit der Einführung dieses Systems entscheiden sich nur noch 23 Prozent der Amsterdamer Bürger:innen für den Erhalt von Werbung, wodurch nur noch halb so viel verteilt wird wie zuvor. Übrigens hat Dänemark mit dem Nej-Tak-Programm (Nein-danke-Programm) bereits 1990 ein ähnliches Opt-in-System eingeführt.

»Wohltätigkeitsorganisationen sind auf Werbung angewiesen«

2019 unterzeichneten 18.000 Bürger:innen eine Petition des Vereins »Letzte Werbung« zur Einführung eines Opt-in-Systems, das dem Amsterdamer Modell ähnelt. Somit dürften Unternehmen nur noch Anzeigenblätter und Prospekte in Briefkästen werfen, die mit einem Aufkleber »Werbung erwünscht« versehen sind.

Nicht jede:r hält das für sinnvoll. Die European Fundraising Association (EFA) gehört zum Beispiel zu den Kritiker:innen von Opt-in-Systemen bei Werbepost. Die EFA ist ein europäisches Netzwerk, das Menschen und Organisationen dabei unterstützt, Fördermittel und Spenden für ihre Projekte einzuwerben. Sie hebt die negativen Folgen einer Opt-in-Regelung für Wohltätigkeitsorganisationen hervor. Diese seien beim Sammeln von Spenden auf Werbepost angewiesen. Gerade während der Covid-19-Pandemie hätten viele Liveveranstaltungen nicht durchgeführt werden können, was die Notwendigkeit der Kontaktaufnahme auf dem Postweg für solche Organisationen noch verschärft habe. Die Einführung eines Opt-in-Systems würde deren Einnahmen entsprechend mindern, denn die meisten Bürger:innen würden sich nicht proaktiv für den Erhalt von Werbung entscheiden. 2020 wandte sich die EFA deshalb an die Europäische Kommission und sprach sich gegen die Einführung eines Opt-in-Systems aus.

Dass die Bundesregierung dieses Thema in naher Zukunft angehen wird, ist nicht zu erwarten. Zwar sprachen sich zumindest die Grünen in ihrem Programm zur Bundestagswahl 2021 gegen unerwünschte Briefkastenwerbung aus, im Koalitionsvertrag der Ampelregierung ist davon allerdings nichts mehr zu finden.

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Fußnoten

  1. Tagesschau (Hg.): Europäischer Vergleich. Deutschland beim Verpackungsmüll ganz vorn, auf: tagesschau.de (18.11.2021).
  2. Statistisches Bundesamt (Hg.): Abfallwirtschaft, auf: destatis.de (14.0322).
  3. Fieber, Tanja; Geiger, Boris: Warum und wie Papiersparen? auf: planet-wissen.de (07.12.2017).
  4. Letzte Werbung (Hg.): Der Kreislauf der Werbepost. Fakten zu Postwurfsendungen und ihre Bedeutung für Umwelt, Abfall und Verbraucher, Berlin 2020, S. 3.
  5. Ebd., S. 13.
  6. Umweltbundesamt (Hg.): Altpapier, auf: umweltbundesamt.de (14.2.2022).
  7. Deutsche Post DHL Group (Hg.): CMC Print-Mailing-Studie 2021: Werbewirkung von Print-Mailings steigt in Kombination mit E-Mail-Werbung, Pressemitteilung, auf: dpdhl.com (24.8.2021).
  8. Deutsche Umwelthilfe; Kantar (Hg.): Bevölkerungsbefragung. Postwurfsendungen und gedruckte Werbeblätter, Bielefeld 2020, S. 10.
  9. Verbraucherzentrale (Hg.): Werbung im Briefkasten: So wehren Sie sich gegen Werbepost, auf: verbraucherzentrale.de (24.11.2021).- In einigen Städten wie München, Hamburg und Bonn liegt die Quote mit etwa 50 Prozent weitaus höher.
  10. Letzte Werbung 2020, S. 8.
  11. Ebd., S. 17.
  12. RetailNews (Hg.): Tilbudsaviserne er historisk tykke, auf: retailnews.dk (2.10.2017).
  13. ExpatINFO Holland (Hg.): Dutch Nee-Ja Mailbox Stickers, auf: expatinfoholland.nl.
  14. Dutch Advertising Code Authority (Hg.): The Dutch Advertising Code, auf: reclamecode.nl (2022).
  15. Letzte Werbung 2020, S. 21.
  16. Politiken (Hg.): Flere siger nej tak til reklamer, auf: politiken.dk (14.6.2001).
  17. Gibbels, Patrick: Door drop proposals pose new threat to fundraising, auf: efa-net.eu (1.7.2020).
  18. Bündnis 90/Die Grünen (Hg.): Deutschland. Alles ist drin. Bundestagswahlprogramm 2021, Berlin 2021, S. 45.
  19. Bundesregierung (Hg): Mehr Fortschritt wagen. Bündnis für Freiheit, Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit. Koalitionsvertrag zwischen SPD, Bündnis 90/Die Grünen und FDP, 2021.

Autor:innen

Geboren 1994 in Huntsville, Alabama in den USA. Seit 2020 Redakteur bei KATAPULT. Zuvor Studium der Musik und Linguistik/Germanistik an der University of Alabama. Zusammen mit Jasemin Uysal hauptverantwortlich für @katapultmaps.

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