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Kognitive Fähigkeiten im digitalen Zeitalter

Macht Technik dumm?

Von und

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Lieber Herr Hüther, verlernt unser Gehirn irgendwann das »Selberdenken«, wenn wir uns immer auf technische Hilfsmittel verlassen?

Die erste Phase der Technisierung haben wir ja schon hinter uns. Da ging es noch um den Ersatz körperlicher Tätigkeiten durch Maschinen. Das hat das Leben erleichtert, und vieles, was die Menschen im 19. Jahrhundert noch konnten, können die meisten heute nicht mehr: weite Strecken gehen, schwere Gegenstände heben, ihre Arme und Hände geschickt benutzen. Nun hat das Zeitalter der Digitalisierung begonnen, und wir nutzen diese Maschinen auch für Aufgaben, die wir bisher unter Einsatz des Gehirns erledigt haben: Informationsspeicherung beispielsweise oder Orientierung im Raum, auch Schachspielen oder Autofahren können digitale Automaten inzwischen besser als wir. Nervenzellverschaltungen, die nicht mehr genutzt werden, verkümmern oder werden bei unseren Kindern gar nicht erst herausgebildet.

Waren die Gehirne unserer Großmütter und Großväter leistungsfähiger als die der jüngeren Generationen?

Deren Gehirne waren anders, hatten andere Leistungen zu vollbringen und haben sich anders strukturiert als unsere Gehirne heutzutage. Aber besser oder schlechter oder mehr oder weniger leistungsfähig waren sie nicht.

Die Fähigkeit zu denken, sein Gehirn aktiv zu nutzen und auf ein Gedächtnis zurückgreifen zu können, gilt oft als besondere Begabung des Menschen. Was bleibt vom Menschsein übrig, wenn diese Leistungen zukünftig von Computern übernommen werden?

Zweierlei werden diese digitalen Geräte niemals können: Im Gegensatz zu uns können sie nichts wollen. Und sie können deshalb für das, was sie wollen würden, auch keine Lösungen finden. Intentionalität und Kreativität bleiben also die Herausbildungsmerkmale des Menschen, auch im Zeitalter der Digitalisierung.

Haben wir ein so wunderbares Gehirn, damit wir es für Aktivitäten nutzen, die Rechner viel besser erledigen können als wir?

Wie sinnvoll ist der Verzicht auf Technik, wenn wir die Denkleistung unserer Gehirne wieder steigern möchten? Können wir uns beispielsweise Telefonnummern besser merken, wenn wir die Telefonbuchfunktion von Smartphones nicht mehr benutzen?

Wenn wir aufhören, diese digitalen Geräte zu nutzen, würden sich auch all jene Fähigkeiten in unseren Gehirnen wieder ausbilden, die durch die intensive Nutzung dieser Geräte verkümmern. Aber haben wir so ein wunderbares, zeitlebens plastisches Gehirn, damit wir es für Aktivitäten nutzen, die Rechner viel besser erledigen können als wir?

Die fortschreitende Digitalisierung lässt sich nicht mehr zurückdrehen. Haben die Digitalisierungsprozesse der letzten Jahre auch positive Auswirkungen auf unsere geistigen Fähigkeiten und unseren Lebensstil?

Ja, durchaus. Zum ersten Mal in der Menschheitsgeschichte sind wir gezwungen, uns mit den Folgen unseres eigenen Handelns zu befassen, zu entscheiden, was wir und wer wir sein wollen und Verantwortung für uns selbst und unsere weitere Entwicklung zu übernehmen.

Welche Auswirkung hat der frühe Umgang mit digitalen Geräten für die Gehirnentwicklung von Kindern?

Es wird Zeit, zu begreifen, dass nicht die digitalen Geräte, sondern die Art ihrer Nutzung ausschlaggebend für die Auswirkungen auf unsere Gehirne ist.

Digitale Geräte sind die ersten Werkzeuge, die sich ganz ausgezeichnet auch als Instrumente zur Affektregulation einsetzen lassen: um Langeweile zu überwinden, um Frust abzubauen oder um ungestillte Bedürfnisse zu befriedigen

Eigentlich sind es ja nur von uns erfundene Werkzeuge, und solange wir sie als solche nutzen, um ein Werk zu vollbringen, sind sie nicht besser oder schlechter als alle bisherigen Werkzeuge.

Was allerdings oft übersehen wird: Digitale Geräte sind die ersten Werkzeuge, die sich ganz ausgezeichnet auch als Instrumente zur Affektregulation einsetzen lassen. Um Langeweile zu überwinden, um Frust abzubauen oder um ungestillte Bedürfnisse zu befriedigen. Wer diese Geräte für diese Zwecke benutzt, wird niemals lernen können, seine Affekte selbst und im Zusammenleben mit anderen zu regulieren. So jemand wird von solchen Geräten abhängig wie ein Drogenabhängiger von seinen Drogen. Und je früher jemand damit beginnt, umso wahrscheinlicher wird diese Abhängigkeit.

Als Vorstand der Akademie für Potentialentfaltung beschäftigen Sie sich momentan mit den in uns Menschen angelegten Potentialen. Was halten Sie als Neurobiologe für die wichtigsten Ansätze, um diese bestmöglich entfalten zu können?

Solange Menschen sich gegenseitig als Objekte benutzen und andere zu Objekten ihrer Erwartungen und Absichten, ihrer Belehrungen und Bewertungen, ihrer Maßnahmen und Anordnungen machen, ist Potentialentfaltung weder auf einer individuellen noch auf einer gemeinschaftlichen Ebene möglich. Sobald Menschen aber beginnen, einander als Subjekte zu begegnen, ist die Entfaltung der in jedem Einzelnen wie auch der in der betreffenden Gemeinschaft angelegten Potentiale unvermeidbar. In der Akademie versuchen wir, die Herausbildung solcher Potentialentfaltungsgemeinschaften zu ermöglichen.

Ein sehr anschauliches Beispiel dafür bietet ein von uns begleitetes Team von Amateurradrennfahrern aus Thüringen. Die hatten die verrückte Idee, das schwerste Radrennen der Welt, das »Race Across America«, mitzumachen. Im Vorfeld haben sie schnell bemerkt, dass sie das nie schaffen, wenn es ihnen nicht gelingt, ein wirkliches Team zu werden, in dem jeder jeden unterstützt und für den anderen einsteht, anstatt ihn zum Objekt seiner guten Ratschläge und Bewertungen zu machen. Wir haben ihnen geholfen, einen solchen Teamgeist zu entwickeln, und sie haben das Rennen nicht nur geschafft, sondern mit fünf Stunden Vorsprung auf die Zweitplatzierten gewonnen. Das ist Potentialentfaltung in Gemeinschaften.

Das Interview führte Janina Drewanz.

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Autor:innen

geboren 1951, ist Professor für Neurobiologie und seit 2015 Vorstand der Akademie für Potentialentfaltung, deren Initiator er war. Bis 2016 leitete er die Abteilung für neurobiologische Grundlagenforschung an der Psychiatrischen Klinik der Universität Göttingen. Seine Forschung konzentriert sich vor allem auf den Einfluss früher Erfahrungen auf die Hirnentwicklung, die Auswirkungen von Angst und Stress auf das Gehirn sowie die Bedeutung emotionaler Reaktionen.

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