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Studie

Kulturelle Vielfalt im Job beeinflusst Wahlverhalten

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Studie: „Workplace Contact and Support for Anti-Immigration Parties“ von Henrik Andersson und Sirus H. Dehdari (Juni 2021).

Seit den späten 2000er-Jahren sind rechtspopulistische Parteien in Europa auf dem Vormarsch. Begleitet wird dieses Phänomen von mindestens zwei Fragen: Erstens, warum wählen Menschen rechtspopulistische Parteien? Und zweitens, was müsste geschehen, damit diese Kräfte an Attraktivität verlieren? Der zweiten Frage wenden sich die schwedischen Forscher Henrik Andersson und Sirus Dehdari zu. Ihre These: Regelmäßiges Zusammenarbeiten mit nichteuropäischen Kolleg:innen reduziert die Wahrscheinlichkeit, Rechtspopulisten zu wählen.

Um ihre Annahme zu überprüfen, betrachteten die Forscher die Ergebnisse der schwedischen Parlamentswahlen 2006, 2010 und 2014 auf Bezirksebene. In einem zweiten Schritt schauten Andersson und Dehdari anhand detaillierter Arbeitsmarktdaten, wo Wahlberechtigte dieser Bezirke arbeiten – und vor allem mit wem. Hierbei zeigte sich, dass ein regelmäßiger Kontakt zu nichteuropäischen Kolleg:innen die Wahrscheinlichkeit verringerte, rechtspopulistische Parteien zu wählen. Der Kontakt, so die Forscher, muss jedoch eine bestimmte Qualität haben. Mit anderen Worten: Ein morgendliches »Hallo« auf dem Weg zum Kaffeeautomaten reicht nicht aus. Vielmehr bedarf es des aktiven Zusammenarbeitens, etwa im Rahmen gemeinsamer Projekte. Dies erklärt auch folgenden Befund: Nur wenn die nichteuropäischen Kolleg:innen gleich oder ähnlich qualifiziert sind, wählen die Stimmberechtigten mit höherer Wahrscheinlich keine Rechtspopulisten. Denn nur mit ähnlich Qualifizierten, so die Annahme der Forscher, wird auf Augenhöhe und dauerhaft zusammengearbeitet. Zu Menschen, die höher und niedriger qualifiziert sind, ist das Verhältnis aufgrund einer oftmals hierarchischen Betriebsstruktur weniger eng.

Zudem dürften die Betriebe nicht zu groß sein. In Großbetrieben bleibt oft wenig Raum für einen engeren Austausch mit den nichteuropäischen Kolleg:innen. Zwar mag auch hier Projektarbeit gefragt sein; auch mögen die jeweiligen Projektgruppen mit Menschen unterschiedlichster Herkunft besetzt sein. Aufgrund der anonymen Arbeitsatmosphäre in größeren Betrieben werden Kolleg:innen hier jedoch eher als Konkurrenz wahrgenommen. Menschen nichteuropäischer Herkunft werden dann von den Einheimischen häufig als Bedrohung der eigenen Existenzgrundlage angesehen. Dies ist auch der Grund dafür, dass Menschen nur dann mit geringerer Wahrscheinlichkeit rechtspopulistisch wählen, wenn ihnen ihre Jobs sicher erscheinen. Ist dies nicht der Fall, spielt der Kontakt zu nichteuropäischen Kolleg:innen am Arbeitsplatz keine Rolle.

Folgt daraus, dass, wer den Erfolg von Rechtspopulisten verhindern will, für eine diverse Belegschaft in kleinen Betrieben sorgen muss? Möglicherweise. Allerdings weisen die Forscher darauf hin, dass in Schweden auch andere Faktoren eine Rolle spielen, beispielsweise relativ gering ausgeprägte Vorurteile gegenüber nichteuropäischen Mitmenschen. Bei starken rassistischen Vorurteilen hilft in aller Regel nämlich auch die beste nichteuropäische Kollegin nichts.

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