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Editorial: "100 Karten über Sprache"

Kein Löschhorn

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Jeden Morgen fahre ich an einem Plakat vorbei. Da steht drauf: deutsch männlich Student. Komische Aufzählung. Auch noch ohne Kommas. Bisschen schludrig. Aber gut, drei Wörter, erst mal kaum was Besonderes. Daneben ein Bild von Ernst Moritz Arndt. Der war mal Professor in Greifswald, Philologe, doller Antisemit und von 1933 bis 2018 Uni-Namensgeber. Das Plakat ist eigentlich ein Banner und hängt an einer Burschenschaft, Mitglieder rechtsextrem. Nur vor diesem Hintergrund kapiert man eigentlich die Botschaft: Wir sind für den Antisemiten und gegen Veränderung, gegen »politische Korrektheit«, für Männlichkeit, gegen gendergerechte Sprache und offenbar auch gegen Kommas.

Drei Wörter und ein Bild – und ich bin voll in einer Diskussion mit mir. Sprache ist hochpolitisch. Bei kaum einer anderen Sache reagieren die Deutschen so empfindlich wie bei ihrer Sprache oder wenn es um ihre Veränderung geht. Dabei passiert das die ganze Zeit. Schon vor ein paar hundert Jahren wollten einige Typen die deutsche Sprache nicht nur pflegen, sondern richtiggehend von fremden Einflüssen reinigen und alle Fremdwörter aus dem Deutschen tilgen (Deutscher Sprachpurismus). Waren jedoch nur mäßig erfolgreich. Schade eigentlich, sonst würden wir jetzt vielleicht so geniale Ausdrücke verwenden wie Löschhorn (Nase), Zeugemutter (Natur) oder Leichentopf (Urne). Wie komisch es heute erscheint, diese geläufigen Wörter ersetzen zu wollen, zeigt, was für einen Arsch voll Fremd- und Lehnwörter wir im Deutschen haben. Tut mir leid, es euch sagen zu müssen, aber wir wurden schon lange überfremdet.

Gibt aber immer noch solche Typen, zum Beispiel die vom Verein Deutsche Sprache. Die hatten anfangs nicht mal einen Sprachwissenschaftler dabei. Heute reden sie von »Gender-Unfug« und bieten sogar einen Genderstern-Filter fürs E-Mail-Postfach an, der automatisch Nachrichten mit Genderstern herausfiltert. Für das Installieren muss man schon fast programmieren können. Richtig normal, diese Leute, finde ich.
Das alles geht mir so durch den Kopf auf dem Weg ins Büro. Bin froh, dass mein Arbeitsweg nicht länger ist, hab mich schon wieder in typisch deutscher Manier aufgeregt. Und das als Sprachwissenschaftler. Na ja, hat ja keiner mitbekommen. Gut, nun also das nächste fragwürdige Sprachding aus Greifswald (diesmal fast ohne Antisemitismus). Wir haben zwar schon zwei Kartenbücher veröffentlicht, aber nicht als eigener KATAPULT-Verlag. Und nicht über Sprache. Irgendwie witzig, dass es in unserem Sprachbuch fast keinen Text gibt, dafür aber schön viele Grafiken. Sagt ja aber auch einiges. Sprache ist viel mehr als Buchstaben und Politik. Sie ist auch bildlich, zwecklos und lustig. Beispiel: In Japan sagen Verliebte »Eierkopf« zueinander – in Norddeutschland gäbs dafür ne Schelle. Dafür haben die Norddeutschen aber den Knallerballerweg und natürlich auch den Flötenhalterweg. In Finnland machen Hunde »Hau! Hau! Hau!« und Mama heißt auf Georgisch Papa.

Wir werden von anderen Journalisten immer wieder gefragt, wie wir auf so viele kranke Kartenideen kommen. Die Antwort: Bei KATAPULT arbeiten Deutsche und Nichtdeutsche mit, Männer, Frauen und auch ein paar Studierende. So auch an diesem Buch. Und das hat das Ding erst richtig gut gemacht.

»100 Karten über Sprache« gibt es im Buchhandel oder im KATAPULT-Shop!

Autor*innen

Geboren 1983, ist seit 2015 Redakteur bei KATAPULT und vor allem als Layouter, Grafiker und Lektor tätig. Er hat Germanistik, Kunstgeschichte und Deutsch als Fremdsprache an der Universität Greifswald studiert.

Sein wissenschaftliches Hauptinteresse liegt im Bereich der Sprachwissenschaft, speziell der Psycho- und Politolinguistik. 

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