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Editorial Knicker N°8

Kapitalismus ohne Krisen ist eine Illusion

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Normalerweise interessieren sich nicht allzu viele Menschen für Wirtschaftstheorie – zu kompliziert, zu trocken. Es gibt allerdings Phasen, in denen die Aufmerksamkeit dafür ungewöhnlich hoch ist. Etwa 2007 und 2008 zur Finanz- und Wirtschaftskrise. Plötzlich gehörte ein jahrhundertealtes Wirtschaftsbuch wieder zu den Top-Sellern bei deutschen Buchhändlern: »Das Kapital« von Karl Marx. Die erhöhte Nachfrage an kritischer Literatur zum Kapitalismus fiel in eine Zeit, in der auch viele Wirtschaftsexperten vom Ausbruch der Krise überrascht wurden. Nur wenige Ökonomen hatten sie kommen sehen, doch ihre Warnungen wurden überhört.

Inzwischen sind die Absatzzahlen solcher Literatur wieder etwas gesunken. Die Krise ist vorbei, Deutschland verfügt über ein stabiles Wachstum und hohe Beschäftigungszahlen. Auch die »Eurorettung«dominiert nicht mehr die Nachrichten. Alles wieder in geregelten Bahnen? Das ist leider eine Illusion. Nicht nur, weil durch die Corona-Pandemie eine neue Wirtschaftskrise droht, sondern weil die Idee eines krisenfreien Wirtschaftswachstums an sich verkehrt ist. Das sagen nicht etwa Personen, die den Kapitalismus abschaffen wollen – sondern liberale Ökonomen und Historiker, die vor einem solchen Trugschluss warnen. Zu ihnen gehört beispielsweise Werner Plumpe, Wirtschaftshistoriker an der Universität Frankfurt am Main.

Er stellt fest: Wirtschaftsentwicklung und -krisen bedingen sich gegenseitig. Wo innovative Produktionsverfahren für dynamisches Wachstum sorgen, geraten alte Wirtschaftsstrukturen in die Krise. Wenn es gut läuft, lassen sich die Probleme der untergehenden Sektoren durch das Wachstum der neuen Branchen kompensieren. Doch dieser Idealfall tritt häufig nicht ein. Denn er ist von Faktoren abhängig, die sich kaum voraussehen und dadurch auch nicht planen lassen – etwa Investitions- und Konsumverhalten im In- und Ausland, wirtschaftspolitische Rahmensetzung und günstige Standortfaktoren.

Die Bilanz der letzten 30 Jahre: acht geplatzte Spekulationsblasen, Bankenkrisen in über 60 Ländern und einige weltweite Wirtschaftskrisen. Mal ausgelöst durch politische Streitigkeiten, mal als Folge von Spekulationen, andere verursacht durch verfehlte Wirtschaftspolitik. Davon sind Industrieländer nicht erst seit der Finanzkrise ab 2007 betroffen. Die skandinavische Bankenkrise in den 1990ern, die Nachwende-Rezession in Deutschland im Jahr 1993 oder das Platzen der sogenannten Dotcom-Blase sind weitere Beispiele.

Lassen sich solche wirtschaftlichen Einbrüche vorab verhindern? Die Antwort von Wissenschaftlern fällt ernüchternd aus: Die meisten Krisen waren nicht vorhersagbar. Das bedeutet allerdings nicht, dass jahrzehntelange Forschung umsonst gewesen wäre. Im Gegenteil. Die Beschäftigung mit vergangenen Zusammenbrüchen von Wirtschaftssystemen hat dafür gesorgt, dass Staaten heute viel schneller und zielgerichteter auf solche Ereignisse reagieren können.

Doch der Überblick zeigt, dass die Problematik der Wirtschaftskrisen erheblich komplizierter ist, als es manche Zeitungs- und Meinungsbeiträge vermuten lassen. In der öffentlichen Debatte wurde zuletzt vor allem die Gier von Bankern und Managern für Krisen verantwortlich gemacht. Das mag zum Teil stimmen, ist aber nicht die ganze Antwort. Solche einfachen Erklärungen beleuchten weder systemische Ursachen noch können sie erklären, warum beispielsweise Spekulationskrisen seit Jahrhunderten immer wieder auftreten.

Was holländischer Tulpenhandel im 17. Jahrhundert mit heutigen Spekulationsgeschäften zu tun hat und warum nach Finanzkrisen zumeist rechte Parteien mehr Zustimmung erhalten, erklärt diese Ausgabe des KNICKER. Zudem beleuchtet sie, warum es bei Wirtschaft gerade nicht nur um Zahlen und Fakten geht, sondern auch um Geschichten und Irrglauben. Deren Analyse soll dabei helfen, künftige Krisen zu vermeiden, hoffen Vertreter dieses neuartigen ökonomischen Ansatzes.

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Autor:innen

Geboren 1988, ist seit 2017 bei KATAPULT und Chefredakteur des KNICKER, dem Katapult-Faltmagazin. Er hat Politik- und Musikwissenschaft in Halle und Berlin studiert und lehrt als Dozent für GIS-Analysen. Zu seinen Schwerpunkten zählen Geoinformatik sowie vergleichende Politik- und Medienanalysen.

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