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Studie

Ich gehöre nicht zur Unterschicht!

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Studie: „The Moral Boundary Drawing of Class: Social Inequality and Young Precarious Workers in Poland and Germany“ von Vera Trappmann, Alexandra Seehaus, Adam Mrozowicki und Agata Krasowska (Januar 2021).

Sind sich junge Menschen sozialer Ungleichheit und ihrer Position in der Gesellschaft bewusst? Dieser Frage näherten sich Forscher der Business School im britischen Leeds und der Universität Breslau im Rahmen einer Interviewstudie. Antwort: nicht wirklich. Die Studie ist Bestandteil eines größeren Forschungsprojektes zur sozialen und ökonomischen Mentalität junger Menschen, für das 1.000 Personen in Deutschland und Polen befragt wurden. Zusätzlich interviewten Vera Trappmann und ihre Mitautoren ab 2016 insgesamt 123 Menschen aus Polen und Deutschland. Die Interviewten standen alle am Anfang ihrer beruflichen Laufbahn, waren in prekären Arbeitsverhältnissen beschäftigt und jünger als 35 Jahre. Die Interviews wurden in Städten unterschiedlicher Größe von nationalen Forschungsteams vor Ort durchgeführt: fünf in Deutschland, sieben in Polen, darunter die Hauptstädte beider Länder. In beiden Ländern stieg die prekäre Beschäftigung unter jungen Menschen in den letzten Jahren stark an.

Prekäre Arbeitsverhältnisse unterschreiten gewisse Standards, etwa eine existenzsichernde Bezahlung. Ein weiteres Merkmal sind befristete Arbeits-, Leiharbeits- oder Minijobverträge. Den Forschern zufolge sind aber auch jene Personen prekär beschäftigt, die im Rahmen ihrer Ausbildung unterdurchschnittlich viel verdienen und zusätzlich auch Nebenjobs angewiesen sind. In prekären Verhältnissen arbeiten Menschen mit Hochschulabschluss ebenso wie solche mit Mittlerer Reife. Das ist auch bei den Befragten so. Zudem sind unterschiedliche Berufe vertreten, im Büro ebenso wie in der Fabrik.

Gemein ist den Befragten jedoch, dass sie die eigene Situation nicht als prekär empfinden. Stattdessen sehen sie sich als Teil einer in durchschnittlichen Verhältnissen beschäftigten Mittelschicht. Diese Mitte betrachten sie als einen erwünschten Normalzustand. Die Studienteilnehmer grenzen sich einerseits von Personen in vergleichbarer Lage ab, die sie für nicht entschlossen genug halten, an ihrer Lebenssituation etwas zu ändern. Andererseits ziehen sie aber auch eine Grenze zu denjenigen, die wirtschaftlich „über“ ihnen stehen. Gegenüber „denen da oben“ sind die Befragten nicht so kritisch: Zwar genießen jene ihrer Meinung nach unverdiente Privilegien. Ihr Verhalten sei aber unproblematisch.

Auf der moralischen Ebene unterschieden die Befragten also tendenziell zwischen den ihnen gegenüber besser- und den schlechtergestellten Gruppen: Sie fühle sich nicht mit anderen Menschen in prekären Situationen verbunden, sondern den ökonomisch erfolgreicheren Menschen näher. Denn mit harter Arbeit und Disziplin, so die Logik, würden sie ihre prekäre Phase überwinden und gesellschaftlich aufsteigen. Die Forscher erklären dieses Selbstbild mit einem dauerhaften Hang der Menschen, sich mit anderen zu vergleichen. Diese Vergleiche führen zu moralischen Urteilen, mit deren Hilfe sich Menschen von anderen abgrenzen können. Die eigene Identität rücken sie dabei in ein positives Licht. Das stärkt das Selbstwertgefühl und ist als Bewältigungsstrategie zu verstehen. Strukturelle Probleme innerhalb der Gesellschaft werden damit legitimiert. Die Interviews zeigen Tendenzen von Lebensstrategien und Karrieremustern und sind nützlich für weitere Forschungsvorhaben.

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