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Editorial N°27

Handgranate

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Dies ist die 27. KATAPULT-Ausgabe. Ihr vermutet es sicher schon: 27 ist die Hälfte von 54 und das Neunfache von drei. Mir ist jetzt sogar aufgefallen, dass das Dreifache von neun auch 27 ist. Das ist doch total krank oder was! Was ein Wahnsinn.

Ihr wisst, was nun kommt. Ihr ahnt, was passiert. Das KATAPULT-Magazin wird jetzt verändert.

Zur Sache: Wir feuern euch jedes mal die unterschiedlichsten Themen in den Briefkasten, aber methodisch arbeiten wir immer gleich: Texte schreiben und korrigieren, Grafiken bauen, Fakten checken – Fragmente, Studien, Artikel, Karten. Mir ist das zu langweilig geworden und deshalb bauen wir KATAPULT jetzt um. Wir können beispielsweise mal ALLE WÖRTER GROSS SCHREIBEN oder alle Buchstaben total komisch anordnen oder einfach maal ales falsh schriebn. Dass mact doh tottal Spas und wier bruachen dan ach kein Korrektohr mer! (Tschau, Philli.)

Vielleicht gehts aber auch um die Inhalte. Einige Sachen haben wir bereits rausgeschmissen. Weitere werden die nächsten Ausgaben folgen. Bitte schreibt mir, was ihr unbedingt behalten wollt. Wimmelbild, Fragmente, lange Artikel? Was gefällt euch eigentlich an diesem Magazin? Schreibt es mir an b.fredrich@katapult-magazin.de und ich werde überlegen, welche Rubriken vielleicht doch überleben werden.

Aber es sind natürlich auch ein paar Dinge dazugekommen. Neu sind diesmal schon: die Kinderrätsel-Seite, die neue Rubrik 11 Karten über und ein paar andere Sachen, die jetzt zu kompliziert sind, sie aufzuschreiben. Wer alle zehn (oder elf) Veränderungen findet, muss sie bei Twitter (#27) reinschreiben und kann eine historische KATAPULT-Ausgabe 1 gewinnen!

Das Magazin macht bei uns dieses Jahr etwa 2,4 Millionen Euro Umsatz. Über 96 Prozent des Geldes kommen von den Abos. Es ist und bleibt das KATAPULT-Triebwerk. Es ist das ganz große Zugpony. Eigentlich seid ihr, die uns abonniert habt, 92.000 Zugponys. Danke fürs Ziehen!

Was ist eigentlich mit den ganzen anderen Projekten von KATAPULT? Hab ich die immer alle nur angesagt und dann vergessen? Was ist aus dem Wald, der Journalismusschule, dem Geflüchtetenheim und dem Festival geworden und wie gehts den Passwörtern von Tim Ehlers? Das waren die häufigsten Fragen auf unseren komplett überfüllten Redaktionsführungen während des KATAPULT-Festivals. Hier nun endlich die Antworten für euch alle.

Handgranate auf KATAPULT-Festival

Jemand hat auf unserem Festival gefehlt: Jack. Jack war nicht da. Er hatte vor einem Jahr angesagt, dass er uns beim Aufbau der Bühne hilft. Das hat er letztes Jahr beim kleinen Sommer-Festival auch schon gemacht. Dieses Jahr war Jack dann gar nicht da. Er ist einfach nicht gekommen. Merkwürdig. Auf Jack ist eigentlich Verlass.

Die Stadt Greifswald hatte etwas Sorge um unser Sicherheitskonzept. Da ging eine Woche vor dem Festival viel Kraft in schwierige Gespräche. Am Ende hat es dennoch geklappt. Zwar musste das Fest kleiner bleiben, aber dafür war es zu 100 Prozent sicher. Also fast. Endergebnis: Wir hatten einen Nazi am Zaun und eine Handgranate im Kinderparadies.

Am ersten Tag war da ein Nazi am Zaun, der bis fünf Uhr morgens nicht abhauen wollte, und an der Speedbootrennbahn hat jemand eine Handgranate ausgebaggert. Wir waren kurz davor, das gesamte Gelände zu räumen. Alle waren aufgeregt. Dann kamen zwei Polizisten. Einer der beiden hat sich das Ding zehn Sekunden angeguckt, in die Hand genommen und – ist damit abmarschiert. Ohne Scheiß! Die beiden haben sich allerdings auch nie wieder gemeldet. So läuft das bei der Polizei in Greifswald. Problem lösen, nichts sagen, einfach mal mutiger Held sein. Danke!

Zur Transparenz: Wir haben für das Festival 138.000 Euro ausgegeben und 108.000 Euro eingenommen. Ich muss noch mal genau nachrechnen, aber irgendwer meinte letztens schon, dass wir wohl im Minus sind. Ich frag Montag noch mal nach.

Im nächsten Jahr brauchen wir dringend mehr Redaktionsführungen. Der Andrang war viel zu groß. Wir werden nachsteuern und euch dann im nächsten Jahr unsere komplett fertige Schule in Dauerschleife zeigen. Was mir noch auffiel: Buchlesungen funktionieren am besten nachts und mit Sekt! Meine Mitternachtslesung hat sowas von extrem Spaß gemacht. Es gab Sprechchöre, Zwischenrufe und emotionale Szenen. Nur Jack hat gefehlt.

Einige haben sich über sich selbst beschwert, dass sie zu unserem Festivaltermin schon was anderes vorhatten (Oma besuchen) und deshalb nicht kommen konnten. Diesmal könnt ihr früher planen. Der Termin fürs kommende Jahr steht schon fest: 21. bis 22. Juli 2023. Genaueres findet ihr alles hier: katapult-festival.de. Karten kann man auch schon kaufen. Ich biete diesmal Mitternachtslesung mit Kir Royal (vegan) und Bratwurstempfang (auch) an. Hoffentlich dann wieder mit Jack.

Der KATAPULT-Wald

Auf unserem Grundstück im Industriegebiet entsteht derzeit der KATAPULT-Wald. Festivalbesucher:innen konnten sich das bereits angucken. Wir ziehen hier Bäume aus unserer Region auf: Buchen, Eichen, Eschen, Birken, Linden und so weiter. Manche sind bereits über fünf Jahre alt und mehr als zwei Meter hoch. Manche sind erst ein halbes Jahr alt und ganz klein. Jedes Jahr kommen neue hinzu.

Diese Bäume werden später auf einen Acker umgepflanzt, denn hier gibt es ökologisch betrachtet das größte Potenzial. Die Bäume müssen dorthin, wo es derzeit kein Leben im Boden gibt. Noch besser dicht ans Wasser. Denn über die Äcker gelangen Dünger und Pestizide ins Wasser. Deshalb ist es dort besonders sinnvoll. Unsere erste große Verhandlung über so einen Acker ist gescheitert. Deshalb suchen wir weiter. Falls ihr einen Hinweis habt oder Land (ab einem Hektar) in Vorpommern verkaufen wollt, meldet euch bei uns. Wir müssen aufpassen, dass wir aus dem Greifswalder Industriegebiet nicht aus Versehen einen Wald machen. Hoppla.

Das Geflüchtetenheim

Wir wollten in unserer Schule ein Heim für Geflüchtete einrichten, damit die Leute in Greifswald nicht in der Turnhalle wohnen müssen. Die Genehmigung dafür war zwar ultraschwer zu bekommen und hat ewig gebraucht, aber es hat geklappt. Seit Mitte August wohnen zehn bis 20 Ukrainer:innen bei uns, also direkt in unserer Schule. Danke für die Sach- und Geldspenden!

Die KATAPULT-Journalismusschule: verschoben

Diesen Herbst sollte unsere Journalismusschule starten. Schaffen wir aber nicht. Ich habe zu sportlich geplant. Der Angriff auf die Ukraine, das Geflüchtetenheim, unser Verlagsgebäude – das wollen wir erst alles ordentlich auf die Schiene bekommen, bevor wir ein neues großes Projekt angehen. Es wäre derzeit unverantwortlich, das alles gleichzeitig zu machen. Wir verlegen den Start ins nächste Jahr. Den genauen Plan gibts in der kommenden KATAPULT-Ausgabe. Wir machen uns jetzt ans Konzept und heben alle Bewerbungen sorgfältig auf.

Jack in den Medien

Ein paar Tage nach dem Festival schlage ich die Ostsee-Zeitung auf und sehe Jack auf der Titelseite. Endlich! Ein riesen Bild haben sie abgedruckt. Er steht da mit schwarzem Shirt. Eine Hand in der Jeans. Und guckt in die Kamera. Hinter ihm ein Wohnblock. Petra Hase von der OZ hat eine Story über den 23-jährigen Jack aus Greifswald geschrieben.

Dann lese ich die Überschrift und mir wird klar, warum Jack nicht da war. Er konnte nicht anders: »Von Obdachlosigkeit bedroht: Jack aus Greifswald darf Spenden nicht annehmen«. Ich starre das Bild noch eine Weile an. Irgendwann fange ich an, den Artikel zu lesen. Was steht drin? Kurz: Er hat einen Schufa-Eintrag und Schulden von ein paar Hundert Euro. Deshalb will ihn die WVG, das Greifswalder Wohnungsunternehmen, aus seiner Wohnung schmeißen. Fremdes Geld darf er wegen irgendwelcher beknackten Hartz-4-Verwaltungsregeln nicht annehmen. Das ist wohl allen sehr wichtig. Was wie unmenschliche Willkür aussieht, ist am Ende auch welche.

Das Gute: OZ-Hase schreibt ein paar Tage später einen zweiten Artikel. Diesmal darüber, dass viele Leute helfen wollen, dass sie Geld geben wollen, dass sie bei der Wohnungssuche helfen. Gut, aber da sind ja noch diese Hartz-Regeln. Wirklich schade, dass man da offiziell gar nicht helfen darf. Viel interessanter ist aber etwas anderes. Auch die Wohnungsgesellschaft kommt in diesem zweiten Artikel zu Wort. Sie ist nun auf einmal »gesprächsbereit«. Nanu!

Höchstwahrscheinlich darf Jack in seiner Wohnung bleiben, und wisst ihr warum? Weil Lokaljournalismus – wissenschaftlich belegt – nicht nur die Wahlbeteiligung erhöht, radikale Parteien schwächt und Korruption verhindert. Nein, da fehlt noch was: auch deshalb, weil Lokaljournalismus Druck auf bescheuerte Verwaltungsangestellte macht. Jede und jeder kann mal eine unmenschliche Entscheidung treffen, aber dann muss es eben eine funktionierende Lokalpresse geben, die darüber berichtet. Das ist wichtig! Davon brauchen wir mehr! Mehr Hase!

Dieser Fall, der für mich durchaus emotional ist, hat mir in Erinnerung gerufen, dass wir bei KATAPULT wieder zurück zu unseren Wurzeln sollten. Wann, wenn nicht zur historischen Jubiläumsausgabe 27. Das erste KATAPULT-Ziel war und ist die Inklusivität. Niemand soll hier ausgeschlossen sein und deshalb gibt es ab jetzt wieder die Möglichkeit, KATAPULT für ein Jahr lang kostenlos zu abonnieren.

Ihr habt einen schicken Schufa-Eintrag, euer Konto ist mörder im Minus, eure wOhNuNgSbAu-gEsElLsChaFt ist große Scheiße und ihr habt keine reichen Eltern? Das ist uns alles egal. Ihr bekommt unser Abo ab jetzt kostenlos. Meldet euch unter soli@katapult-magazin.de und wenn KATAPULT irgendwann mal groß genug ist, reißen wir die menschenunwürdige, fehlerhafte, datenschutzverletzende und jährlich über 200 Millionen Euro Umsatz machende AKTIENGESELLSCHAFT »Schufa« ab! Immerhin treiben die Leute mit ein paar Hundert Euro Schulden in die Obdachlosigkeit. Abriss legitim. Abriss notwendig.

Danke

Dieser Text ist bald zu Ende. Es fehlt nur noch ein Danke. Dieses Danke ist groß. Es ist voller Emotionen. Erinnerungen. Tränen. Es ist voller Schmerzen und das schon seit Monaten. Es ist ein Danke, das ich in der Größe noch nicht gefühlt habe. Ich bin emotional nicht in der Lage, dieses Danke in eine Rede zu packen und es dem Betreffenden persönlich zu sagen. Es geht nur hier. Es geht nur schriftlich, weil es mir viel zu nahe geht.

Wir verabschieden jemanden, der sein Leben in Berlin fortführen wird, jemanden, der KATAPULT seit der Anfangszeit kennt und die letzten fünf Jahre alles reingegeben hat, all seine Kraft abgeliefert hat, jemanden, der die größten, härtesten Zeiten mit Tim Ehlers und mir in Finanznot durchlebt hat und uns das schönste Lob gemacht hat, das wir jemals bekommen haben: »KATAPULT ist besonders deshalb stark, weil wir in Stresszeiten professionell und positiv bleiben, das können nicht viele Teams«, nur um dann zu beweisen, dass ganz besonders er in Stresszeiten professionell und positiv bleibt, jemanden, der selbst in der Kneipe Artikel schreibt, der Fähigkeiten hat, die wir derzeit nicht ersetzen können und auch nicht können werden, jemanden, der mal meinte, nicht besonders mutig zu sein, und dann eine sehr mutige Entscheidung traf und ein ganzes Team leitete, Verantwortung und Risiken übernahm, jemanden, der sogar mit dem Bauamt kann, der die unwirklich komplizierte Bauplanung unserer Schule gestemmt hat, sein Team einfühlsam geführt hat, jemanden, der Klarheiten schafft, wo gar keine sind und den KNICKER auch unter widrigsten Umständen sicher produziert hat, jemanden, der extrem oft und hart mit seinem Monitor flucht und trotzdem die Lieblingstexte meiner Oma verfasst, jemanden, der immer unterschiedliche Socken trägt, die stärksten Artikel und die detailliertesten, geilsten und schrägsten Gis-Karten bastelt, der die letzten Jahre mein wichtigster Berater geworden ist, obwohl er viele Sachen komplett anders sieht als ich und gerade deshalb wertvoll ist, jemanden, der zugleich so überaus bescheiden ist und es unfassbar hasst, in einer sehr langen, aber gerechtfertigten Aufzählung öffentlich all seine unglaublichen Stärken und liebenswerten Schrullen aufgezählt zu bekommen und mir deshalb verboten hat, mehr als einen Satz über ihn zu schreiben, jemanden, an den ich bis ans Ende meines Lebens gerne denken werde und jemanden, von dem ich mich hiermit höchstachtungsvoll verabschiede, vor dem ich mich verneige, durchaus weine, und hoffe, dass es ein Wiedersehen gibt,

danke Baster,

danke Sebastian Haupt, KNICKER-Chefredakteur.

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Autor:innen

Ist einsprachig in Wusterhusen bei Lubmin in der Nähe von Spandowerhagen aufgewachsen, studierte Politikwissenschaft und gründete während seines Studiums das KATAPULT-Magazin.

Aktuell pausiert er erfolgreich eine Promotion im Bereich der Politischen Theorie zum Thema »Die Theorie der radikalen Demokratie und die Potentiale ihrer Instrumentalisierung durch Rechtspopulisten«.

Veröffentlichungen:
Die Redaktion (Roman)

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