Deutschland wird feindlich von Muslimen übernommen. Dieses Schreckensbild malt Constantin Schreiber, im Hauptberuf Sprecher der ARD-Tagesschau, in seinem aktuellen Roman Die Kandidatin. Zu Recht ist darauf hingewiesen worden, dass dieser Stoß gegen die Unterwanderung aus dem Orient über die Schneise ausgeführt wird, die Thilo Sarrazin und andere bereits geschlagen haben. Wie bequem und sicher diese Schneise ist, hat der Autor schon in zwei Sachbüchern erprobt. In Kinder des Koran arbeitet Schreiber heraus, dass, wer immer durch das Schulsystem eines islamischen Landes gegangen ist, zu Antisemitismus und autoritärem Denken ertüchtigt werde – nicht aber zur Demokratie europäischen Zuschnitts. Damit nach Deutschland eingewanderte Muslime ihrem Wesen treu blieben, werde ihnen in den hiesigen Moscheen gepredigt, sie sollten als Gemeinschaft zusammen- und sich von den Deutschen fernhalten, so das Fazit, das Schreiber in Inside Islam zieht. Grafik herunterladen Grafik herunterladen Fachkundige Kritiker fanden jede Menge sachlicher Fehler und Verzerrungen in Schreibers Non-Fiction. Sie bemängelten vor allem die dünne Faktenbasis, auf die Schreiber seine weitreichenden Schlussfolgerungen gestützt habe. Und sie kamen zu dem Ergebnis, dass beide Sachbücher weniger der Aufklärung dienen, sondern eher einen propagandistischen Zweck erfüllen. Einer der Imame, deren Predigten Schreiber für sein Moscheebuch aufzeichnete und analysierte, scheint auch Vorbild für eine seiner Romanfiguren geworden zu sein. Dort heißt er Muhammad Abd al-Malik und trichtert seiner Gemeinde in Berlin-Neukölln ein, dass »Muslime ein starkes Band bilden müssten, um sich gegen Andersgläubige zu behaupten«. Eine seiner Zuhörerinnen ist die Hauptfigur des Romans Die Kandidatin, Sabah Hussein. Diese kennt den muslimischen Prediger von Kindesbeinen an und lässt sich von ihm diskret beraten, als sie als Kanzlerkandidatin der »Ökologischen Partei« die Macht in Deutschland erobern will. Der Moscheeprediger Abd al-Malik erscheint wie ein V-Mann, den der Autor im Einzugsbereich seines tendenziösen Journalismus angeworben und dann losgeschickt hat, um die Welt des zeitgenössischen Romans zu unterwandern. Unter dem Deckmantel der Fiktion soll der Prediger dort Schreibers Propaganda verbreiten, wonach das Gebiet zwischen Oder und Rhein ebenso beharrlich wie planvoll islamisiert wird. Aber der Spion muss auffliegen, genau wie alle anderen Figuren des Romans. Ihre Unbeholfenheit verrät sie als Ortsfremde. Sie bewegen sich nicht wie die menschlichen Charaktere eines Romans. Sie werden vom Autor bewegt, wie leblose Figuren auf einem Schachbrett. Sie sollen lediglich illustrieren, wie das politische Spiel läuft, das in die Verdrängung der alteingesessenen Weißen und in den Triumph der muslimischen Einwanderer zu münden droht. Grafik herunterladen Diversität ist der Untergang Deutschlands Schreibers Deutschland der nahen Zukunft ist ein Paradies für Muslime. Die im Roman herrschende Diversitätsideologie fördert ihren gesellschaftlichen Aufstieg: Wer »Vielfaltsmerkmale« vorweisen kann, profitiert hier von großzügigen Quotenregelungen im Berufsalltag. Das kommt zwar auch Homosexuellen, Menschen mit Behinderung und Frauen zugute, aber niemand nutzt diese Chancen so kaltblütig und konsequent wie die Muslime – angeführt von der aus dem Nahen Osten stammenden Kanzlerkandidatin Sabah Hussein. Die in der Bundesrepublik herrschende Ideologie wird geprägt von der bereits regierenden »Ökologischen Partei«, in der Schreiber alles Linksgrüne bündelt. Ihre urdeutschen Anhänger fungieren als die nützlichen Idioten, die dem Islam einen Durchmarsch gestatten. Sabah Hussein möchte nach ihrem Wahlsieg den »Anfang eines neuen Deutschlands« (S. 178) verkünden. Beflügelt werden diese Pläne von einem Bevölkerungsaustausch, der in vollem Gange ist. Die nahöstliche Gebärmutter schickt einen stetigen Strom muslimischer Neueinwanderer nach Deutschland. Die Bundesregierung bezahlt die Luftbrücke aus den libanesischen Flüchtlingslagern. Bei einer Dienstreise in den Libanon erlebt die Kanzlerkandidatin Straßen voller Schlaglöcher – ein Land im Untergang. »Was ist schiefgegangen, fragt sie sich, mit diesem Land, einem der diversesten der Welt? Wie konnte dieser Staat nur derart scheitern?«, lässt Schreiber seine Hauptfigur monologisieren (S. 128). Die Botschaft ist klar: Die ethnisch-religiöse Vielfalt des Libanon hat den Zerfall dieses Landes nicht nur nicht verhindert. Sie hat ihn eigentlich erst bewirkt. Nun wird dieses orientalische Völkermosaik nach Mitteleuropa transferiert – das kann nur den Untergang Deutschlands bedeuten. Als Vorgeschmack lässt Schreiber weiße Familien schon mal aus ihren Villen in Berlin-Grunewald flüchten, während junge Einwanderer über die Inneneinrichtung herfallen. Wie zersetzend die muslimische Einwanderung wirkt, soll der Leser etwa daran erkennen, dass Deutschland im internationalen Wettbewerb von China abgehängt wird. So sehr ist Deutschland mit Diversitätspolitik und der Wiedergutmachung von Diskriminierungen beschäftigt, dass es im harten wirtschaftlichen Konkurrenzkampf keine Chance mehr hat. Gegenwehr kommt vom rechten Rand, konkret von einer Polizistin, die auf Sabah Hussein schießt. Sie will verhindern, »dass Deutschland von einer Islamistin regiert wird«, wie sie – echte Überzeugungstäterin – vor Gericht angibt (S. 184). In Schreibers Buch wird die Attentäterin unterstützt von Gesinnungsgenossen in der Polizei und einem nationalistischen Netzwerk. Auch hier ist die Botschaft klar: Wenn die bürgerliche Mitte sich der Bedrohung nicht entgegenwirft, dann muss die Nation eben von solchen Kreisen gerettet werden. Schreiber zeichnet die Muslime in Deutschland als verschlossene Gruppe, als eine Parallelgesellschaft. Ihre Interessen laufen denen der übrigen Gesellschaft zuwider. Dieses Schwarz-Weiß-Bild blendet reale Anpassungs- und Integrationsprozesse aus. Es unterschlägt vor allem die Tatsache, dass der Islam als Religion immer weniger die Selbstsicht von Migranten prägt, die als Muslime geboren wurden. Grafik herunterladen Das gab es doch schon mal irgendwo Ein prominentes Gesicht des öffentlich-rechtlichen Rundfunks hat also ein im Kern rechtspopulistisches Manifest verfasst. Das ist an sich schon eine schlechte Nachricht, darf man von einem Tagesschausprecher doch eine gewisse politische Neutralität erwarten. Die eigentliche Dimension dessen, was Constantin Schreiber hier vorgelegt hat, erschließt sich jedoch erst durch einen genaueren Blick auf die literarische Hülle. Mit der Unterwanderung und feindlichen Übernahme durch parasitäre Orientalen hat Schreiber einen Topos wiederbelebt, der aus der deutschen Romanliteratur verschwunden war. Um Vorbilder für Die Kandidatin zu finden, muss man über die Trümmerschwelle des deutschen Untergangs von 1945 zurückschreiten. Im Erscheinungsjahr 1941 stößt man auf einen deutschen Roman, dessen Erzählmuster, Klischees und Leitmotive verblüffende Parallelen zu Schreibers Buch aufweisen. Er erzählt vom außergewöhnlichen Aufstieg des Juden Joseph Süß Oppenheimer am Hof des Herzogs von Württemberg. Er schafft es bis ins Amt des Finanzministers – inoffiziell erhebt er sich sogar zum heimlichen Herrscher über das Herzogtum. Seinen Glaubensgenossen aus dem Frankfurter Ghetto verschafft er so den Zugang ins reiche Württemberg, der ihnen bis dahin wegen der sogenannten Judensperre verschlossen war. »Die Tür aufstoßen – für euch alle«, so fasst der Protagonist seine Wegbereiterfunktion zusammen. »Ich bring euch die neue Zeit, den Aufstieg, die Gewalt«, versichert Oppenheimer den Juden. »Ich mach aus Württemberg für Jisroel (Israel) das gelobte Land.« (S. 113) Das Werk wurde vom Schriftsteller und Dramaturgen Hans Hömberg zu Papier gebracht. Es ist die Romanfassung des berüchtigten NS-Propagandafilms Jud Süß von Veit Harlan, der 1940 uraufgeführt wurde. In diesem Fall ist die Handlung in die Vergangenheit gelegt, in die erste Hälfte des 18. Jahrhunderts. Vergangenheit oder Zukunft sind bei derartigen Stoffen jedoch nur literarische Formsache. Das Publikum weiß, dass die Gegenwart gemeint ist. Wie Joseph Süß Oppenheimer öffnet auch Sabah Hussein die Tore für ihre Glaubensgenossen: »Wir müssen das Kontingent an Geflüchteten erhöhen, die sicher und schnell nach Deutschland kommen. Nach der Wahl wird unser monatliches Ziel bei mindestens zehntausend Menschen liegen«, lässt Schreiber seine Protagonistin erklären (S. 137). Wie Oppenheimer ist sie Agentin der Umvolkung. »Gemischte Gesellschaften«, rechtfertigt sie öffentlich ihre Agenda, seien »besonders erfolgreich« (S. 171). Der Leser soll dieses Argument als hohle Phrase durchschauen. Das ist ihm eine leichte Aufgabe, hat er doch am Beispiel des Libanon erfahren, dass gemischte Gesellschaften dem Untergang geweiht sind. Genauso will Joseph Süß Oppenheimer den Alteingesessenen einreden, Zuwanderung sei zu ihrem eigenen Vorteil. Die Juden würden »Geld nach Württemberg fließen lassen. [...] An unsrem Nutzen soll der teilhaben, dessen Großmut uns verholfen hat, zu prosperieren und emporzusteigen in die Höhen des Glanzes« (S. 104). Der Leser hat da freilich längst begriffen, dass dies hohles Geschwätz ist. In Wahrheit wollen Oppenheimer und seine Glaubensgenossen Württemberg, das als Metapher für Deutschland steht, aussaugen. Die Einwanderer wollen ran an »das Geld der ehrlichen Württemberger« (S. 62). In beiden Werken erlangen die Eingewanderten so viel Macht über den Staat, dass dieser zu einer Umverteilungsmaschine wird, die ihnen das Geld vor die Füße spuckt. Oppenheimer setzt Steuererhöhungen durch, zum Beispiel auf Mehl. »Ich kenne die Quellen des Reichtums, die in diesem Lande fließen. [...] [E]s will mir nicht in den Kopf hinein, daß man aus vierhundert Dörfern und siebzig Städten kein Geld soll herausreißen können«, sagt er zum Herzog (S. 51) und rät ihm damit zu mehr staatlichem »Eingreifen«. Hier erscheint der Jude als Befürworter des Sozialismus, ein gängiges Stereotyp der Nazipropaganda. Dem Klischee vom Einwanderer, der – getrieben von eigennützigen Hintergedanken – nach dem Sozialismus ruft, verhilft Schreiber zu neuer Blüte. Sabah Hussein erklärt, sie wolle »[d]en Kapitalismus überwinden« (S. 111). Die Reichen müssten deshalb einer »Verallgemeinerung von Gewinn« (S. 112) zustimmen. Um ihr Programm zugunsten der Einwanderer, etwa ihre Ansiedlung in den Villenvierteln der Wohlhabenden, zu finanzieren, möchte sie eine »Weißensteuer« (S. 27) und einen »Antirassismus-Soli« (S. 172) erheben. Grafik herunterladen Das Bild des gierigen Juden Muslims Der Einsatz beider Hauptfiguren für ihre Glaubensgenossen ist nicht selbstlos, sondern nur ein Schritt auf dem Weg zur Durchsetzung individueller Ziele – zur Befriedigung der egoistischen Gier. So charakterisiert Schreiber seine Kanzlerkandidatin: »Als Kind von Geflüchteten konnte sie das Leid der vielen nachempfinden und wollte ihnen die gleiche Hilfe gewähren, die sie vor einem Leben in Armut gerettet hatte. Aber diese Verve, diese Leidenschaft für die Aufnahme von Migranten gingen noch auf etwas anderes zurück, auf ein unersättliches Verlangen nach Macht und Geld« (S. 133). Beides bekommt sie. Ihr Drang nach Luxus erschlägt den Leser geradezu in Form von »goldenen Armreifen« (S. 133), einem »Mercedes-Cabrio«, der edlen Wohnung mit »viel Glas« und »Sichtbeton« an der Côte d’Azur (S. 142) oder der »Chanel-Handtasche« (S. 74). Ihren Aufstieg im Staat vollbringt Sabah Hussein in kalter Berechnung: »Disziplin ist ihr wichtig« (S. 8). Sie ist wie die »kühle Glätte des Leders« (S. 8), die sie in Stresssituationen beruhigt. Ihr entscheidender Trumpf ist jedoch die Fähigkeit zum doppelten Spiel. Sie nimmt die Sitten und Verhaltensmuster der Gesellschaft, in die sie eindringt, äußerlich an. Aber das ist zweckgebundener Schein. In Wahrheit hält sie ihrem Stamm und ihrem orientalischen Gott die Treue. So hat sie ihre islamische Kopfbedeckung, den Hidschab, abgelegt und geht in »High Heels« (S. 10) über das Kopfsteinpflaster zum Wahlkampftermin. Sie trägt elegante Roben und Kleider, gern »schulterfrei« (S. 119), und manchmal auch »eng anliegende schwarze Lederhandschuhe« (S. 193). Für ihr gesellschaftskompatibles Auftreten wird sie bewundert. Dass dies alles nur wohlkalkulierte Fassade ist, wird der Leserschaft gut dosiert eingeschenkt: in Form von Bionade und Cola, die Sabah Hussein statt Alkohol trinkt – oder rüde vor die Füße gerollt in Gestalt eines Gebets­teppichs, auf dem die Kanzlerkandidatin sich heimlich und fernab von den Blicken der Öffentlichkeit vor Allah niederwirft. Für den Moment kurz vor der Verkündung des zu erwartenden Wahlsiegs hat Constantin Schreiber seiner Hauptfigur eine passende Koranstelle als Gebet ausgesucht: »Bismillah al-Rahman, al-Raheem, Rab al-Alamein. Im Namen Allahs, des Allerbarmers und Allbarmherzigen. Gewiss, wir haben dir einen deutlichen Sieg verliehen, damit dir Allah das von deinen Sünden vergebe, was vorher war und was später sein wird, und damit Er Seine Gunst an dir vollende und dich einen geraden Weg leite. [...] Er ist es, der die innere Ruhe in die Herzen der Gläubigen herabgesandt hat, damit sie in ihrem Glauben noch an Glauben zunehmen. [...] Das ist bei Allah ein großartiger Erfolg. Und damit Er die Heuchler und Heuchlerinnen und die Götzendiener und Götzendienerinnen strafe, die von Allah die böse Erwartung hegen. Gegen sie wird die böse Schicksalswendung sein. Allah zürnt ihnen, versucht sie und bereitet ihnen die Hölle – wie böse ist der Ausgang!« (S. 198 f.) Auf überraschend ähnliche Weise wird Jud Süß Oppenheimer in dem Naziroman von 1941 beschrieben. Er hält der Tradition die Treue, denkt an seine Glaubensgenossen – und an sich: »Nur mit den Händen brauch ich zugreifen, und ich schütte aus über dich und über die Gemeinde den Segen und den Reichtum, die Milch und den Honig, das Glück und das Geld«, sagt er zum religiösen Oberhaupt der jüdischen Gemeinde (S. 113). »In Samt und Seide sollt Ihr gehen« (S. 29), prophezeit er seinen Glaubensgenossen. In einer Truhe aber verwahrt er für sich Juwelen, Kronen und Geschmeide. In Stuttgart, der Residenz des Herzogs, bewohnt er »eines der elegantesten und verschwenderischst ausgestatteten Häuser« (S. 68). Um sein Amt am württembergischen Hof anzutreten, hat sich Oppenheimer den Bart abrasiert und den traditionellen Judenkaftan abgelegt. Er hat sich zu einem »Mann weltlicher Kleidung« (S. 158) gewandelt: »Ein eleganter, sicher auftretender Herr, wohl geeignet, auf den ersten Anblick hin zu blenden und Effekt zu machen. An seinen Fingern blitzten die Diamanten, an seinem äußerst geschmackvollen Gewand glitzerten andere Edelsteine« (S. 105). »Eiserne Selbstkontrolle« (S. 111) hilft Oppenheimer bei seinem Aufstieg am Hofe. »Kränkungen« hat er gelernt, zu überhören (S. 81). Das doppelte Spiel beherrscht Jud Süß in Perfektion. Grafik herunterladen Die Hintermänner Neben der Weltgewandtheit ist in dem Protagonisten folglich ausreichend Platz für die Treue zur Religion und zur Sitte der Vorväter. Oppenheimer vergleicht sich selbst mit der »verführerischen Esther«, die der biblischen Erzählung nach den König von Persien überredete, die Juden in Wohlstand und Sicherheit in seinem Reich leben zu lassen. »Esther würde ihre Freude an mir haben. Denn die Macht über die Gojim, sie ist jetzt unser« (S. 157). Wenn sie unter sich sind, feiern die Juden ihren Sieg über die Ungläubigen, so wie es ihnen von ihrem Gott verheißen wurde. Ähnlich schildert Schreiber das Verhalten der Muslimin Sabah Hussein in seinem Roman. Der Kaftan, den Oppenheimer aus Berechnung ablegt, taucht dort wieder auf. Frauen, Männer und Diverse ziehen sich das orientalische Kleidungsstück aufs Neue an, als Zeichen der Gleichberechtigung, und nennen es »Genderkaftan« (S. 22). Beide Romanprotagonisten halten diskreten Kontakt zu patriarchalen Beratern – Sabah Hussein zu dem erwähnten Imam, Oppenheimer zu einem Rabbi. Die religiösen Würdenträger verkörpern die identitäre Essenz der Hauptfiguren, also das, was sie ausmacht und unveränderlich ist. An ihren wahren Loyalitäten kommt nie Zweifel auf. Ihre Herkunft ist unauslöschlich in sie eingeschrieben und bestimmt ihr parasitäres Verhalten. In verblüffendem Gleichklang schildern Hömberg und Schreiber die Geschmeidigkeit der Patriarchen im Hintergrund. Sie tolerieren taktische Kompromisse ihrer Schützlinge zwischen ihrer Religion und dem Ziel, die Welt der Gastgeber zu erobern. Das Berliner Migrantenviertel Neukölln schildert Schreiber so ähnlich wie Hömberg das Frankfurter Judenghetto: Die Quartiere, in denen die Orientalen sich tummeln, sind verwahrlost. Bei Schreiber klingt der Gang in einen Neuköllner Kiosk so: »Es ist ein ziemlich heruntergekommener Laden. Die Fenster sind schmutzig und mit vergilbten Werbeplakaten zugeklebt. Die Tür knarzt, eine schwache elektronische Klingel ertönt« (S. 99). Das Frankfurter Ghetto beschreibt Hömberg so: »Einige Fenster hingen windschief aus den Angeln. Tuchfetzen an Stelle von Gardinen wehten auf die Gassen hinaus« (S. 21). Die Auflistung von Parallelen ließe sich deutlich verlängern. Bei der Anlehnung der Hauptfiguren an reale historische Personen unterscheiden sich die beiden Werke nur scheinbar. Jud Süß soll den tatsächlichen Joseph Süß Oppenheimer des 18. Jahrhunderts darstellen. Demgegenüber erklärt Schreiber zwar, alle Figuren seines Romans seien fiktiv, tatsächlich aber ist sein Personal nur notdürftig hinter erfundenen Namen versteckt. Das gilt allen voran für die muslimische Kanzlerkandidatin, in der sich leicht eine Karikatur der Berliner SPD-Politikerin Sawsan Chebli erkennen lässt. Darf man das vergleichen? Natürlich gibt es auch Unterschiede. Direkte Beleidigungen kommen zwar in beiden Büchern vor: »Judensau« hier, »Islamnutte« und »Islamschlampe« da. Die Schimpfwörter werden dabei jeweils der Gegenseite als Zitat in den Mund gelegt. In Jud Süß greift aber auch der Erzähler – im Gegensatz zu Schreiber – zu herabwürdigenden Begriffen wie »schmieriges Subjekt« (S. 127). Auch Gesichtsregungen wie »diabolisches Grinsen« (S. 153), »devotes Lächeln« (S. 23) oder »öligstes Lächeln« (S. 119) kommen bei Schreiber nicht vor. Dass die Juden »nicht klug« sind, sondern »nur schlau« (Jud Süß, S. 62), sagt Schreiber von den Muslimen nicht explizit. Aber zwischen den Zeilen schwingt dieses Klischee sehr wohl mit. Ein wesentlicher Unterschied zeigt sich in den Bildern von der alteingesessenen Bevölkerung. In Jud Süß erhebt sich die Mitte der Gesellschaft gegen die Eindringlinge. Die Müller, Schmiede und die Landstände, also die Handwerker und Bürger, organisieren den Widerstand. In der Kandidatin ist die Mitte träge und lässt die Unterwanderung geschehen. Hier handelt der nationalistische Rand und zeigt den schlaffen Bürgern, was Wehrhaftigkeit ist. Jud Süß, der Roman und der weitaus bekanntere Film von Veit Harlan, war ein Höhepunkt der antisemitischen Propaganda der Nationalsozialisten. Die Veröffentlichung kam zu der Zeit, als die Deportation der deutschen Juden in die Konzentrations- und Vernichtungslager vorbereitet wurde. Dem Publikum sollte das Hetzwerk noch einmal verdeutlichen, dass die Juden eine Gefahr seien und dass es das Beste sei, wenn sie aus der Gesellschaft verschwänden. Die Veröffentlichung 1940/41 sollte die Frage nach dem Verbleib der jüdischen Nachbarn im Keim ersticken. Die Kandidatin ist eine Ausgeburt des Spät-Trumpismus und der in Schüben aufflackernden Identitätsdebatten. Die Muslime, das Hassobjekt, mögen zwar in der Realität teilweise marginalisiert sein, aber ihr tatsächliches Schicksal ist mit dem der Juden vor 80 Jahren in keiner Weise vergleichbar. Das Buch ist kein diktatorisch verordnetes Pamphlet, sondern der Versuch eines Fernsehprominenten, Stimmung für die Ideologie der weißen Vorherrschaft und vielleicht auch jede Menge Geld zu machen. Die gigantische Diskrepanz der historischen Erscheinungskontexte lässt einen jedoch noch mehr über die Ähnlichkeit der Strickmuster staunen, mit denen Vorurteile bedient und Feindbilder erschaffen werden. In beiden Büchern wird dem Leser vorgetäuscht, er werde in das Innere einer Verschwörung geführt. Er ist Zeuge, wie hier die Juden und da die Muslime versuchen, die Herrschaft in Deutschland an sich zu reißen. Er soll das Privileg spüren, exklusiv dargelegt zu bekommen, wie das funktioniert. Jud Süß zeige, wie die Juden wirklich seien, schrieb nach Erscheinen des Films 1940 ein Feuilletonist, der später Herausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung wurde. Die Kandidatin habe Missstände in Deutschland – nämlich die systematische Benachteiligung der Alteingesessenen – »aufgedeckt«, kommentierte im Juni etwa der Focus. In Harlans und Hömbergs Jud Süß gipfelt die fiktionalisierte Hetze gegen Juden. Antisemitische Romane erschienen schon vorher. Ein frühes Beispiel ist das bürgerliche Epos Soll und Haben von Gustav Freytag aus dem Jahre 1855. Der Roman, eine wahre Fundgrube antisemitischer Klischees, wurde noch in den 1920er-Jahren neu aufgelegt und fand viele Leser. In der Kandidatin wird das genaue Zitat dieses Buchtitels nur um den Preis eines sprachlogischen Fehlers vermieden. Statt »Soll und Haben« sagt Schreibers Kanzlerkandidatin in einem ihrer seltenen inneren Monologe: »Das Leben war doch im Grund nichts als eine Rechnung von Saldo und Haben« (S. 133). Sie werde ihre Bilanz gegenüber den reichen Deutschen jetzt ausgleichen, mit teuren Kleidern, goldenen Armreifen und einem einflussreichen Posten. Lesen Sie Golo Mann! Muss man angesichts der Kandidatin von Kontinuität sprechen? Oder ist die vergleichende Lektüre von Schreibers Buch und Werken wie Jud Süß hinfällig, weil damals Juden das Hassobjekt waren und es heute um Muslime geht? Sind literarische Angriffe auf Muslime sogar zulässig, weil sie einen guten Zweck erfüllen? Auf historische Kontinuitäten und tief verwurzelte Verknüpfungen im europäischen Denken weist eine Passage in Jud Süß selbst hin: Der württembergische Herzog wird wegen seiner Begünstigung der Juden von einem Offizier zur Rede gestellt. Seite an Seite hätten sie 1716 auf dem Balkan in der Schlacht von Peterwardein gegen die Türken, also Muslime, gekämpft und damit Europa vor dem Eindringen der Orientalen bewahrt (S. 149). An dieses Heldentum müsse der Herzog jetzt angesichts der jüdischen Bedrohung anknüpfen. Eine gewisse Vorliebe für den NS-Propa­gandaleiter Joseph Goebbels, der die Verfilmung von Jud Süß persönlich in Auftrag gegeben hatte, lässt sich in der Kandidatin erkennen. Beginnt das Buch doch mit der in ein Megafon gebrüllten Frage: »Wollt Ihr absolute Diversität?« Sabah Hussein bekräftigt später: »Wir wollen die totale Diversität« (S. 171). Der Nationalsozialismus war »schlechte Literatur«, schrieb der Historiker Golo Mann mit Blick auf die politische Selbstdarstellung des NS-Führungspersonals. Diese Warnung scheint bei Schreiber nicht angekommen zu sein. Darauf, dass Constantin Schreiber sich den Roman von 1941 oder seine Vorläufer bewusst zum Vorbild genommen haben könnte, gibt es keinen Hinweis. Es ist äußerst unwahrscheinlich. Die aufgezeigten Ähnlichkeiten und Kontinuitäten sind ein unbeabsichtigter Nebeneffekt. Sie sind der maximale literarische Kollateralschaden. Was folgt daraus? Anscheinend nichts. Die deutsche Öffentlichkeit ist offenbar bereit, diesen Kollateralschaden hinzunehmen. Als Rainer Werner Fassbinder 1977 den erwähnten Roman Soll und Haben verfilmen wollte, gab es Protest wegen des antisemitischen Inhalts. Das Projekt wurde schließlich abgeblasen. Ähnliche Strenge muss Constantin Schreiber nicht befürchten. Die Kandidatin soll verfilmt werden. Aktuelle Ausgabe KATAPULT ist gemeinnützig und unabhängig. Wir finanzieren uns durch Spenden und Abos. Unterstütze unsere Arbeit und abonniere das Magazin gedruckt oder als E-Paper ab 19,90 Euro im Jahr! KATAPULT abonnieren