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Shitstorms

Digitaler Pranger

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Was halten Sie davon, Menschen wieder zu bestrafen, indem man sie auf dem Marktplatz anbindet und dem Spott und der Wut der Öffentlichlichkeit aussetzt? Eine effektive Abschreckung potentieller Straftäter? - Möglicherweise. Anschließende Resozialisierung möglich? - Wohl eher nicht.

Doch den öffentlichen Pranger gibt es wieder. So beschreibt es Jon Ronson in seinem Buch »In Shitgewittern«. Er zeigt, wie Shitstorms im Netz genau dieser öffentlichen Demütigung zu einer Renaissance verhelfen: Eine Person wird durch eine übermäßige Anzahl von kritischen und beleidigenden Äußerungen erniedrigt, mit dem Ziel, einen Fehltritt öffentlich zu machen und ihn zu bestrafen.

Und dennoch hat das digitale Anprangern eine andere Qualität: Einmal ist der digitale Marktplatz wesentlich größer. Und andererseits trägt der Richter keine Robe. Vielmehr sind es »Richter« in Zivil, die entscheiden, was strafbar ist. Verurteilt werden deshalb nicht nur Straftaten, sondern ganz allgemein auch moralische Verfehlungen. Klingt nach Selbstjustiz, kann aber auch sein Gutes haben. Etwa wenn Firmen für legale, aber illegitime Unternehmenspraktiken unter öffentlichen Druck geraten und einlenken. Die Stimme des »kleinen Mannes« gewinnt im digitalen Zeitalter wieder an Gewicht. Der sonst Machtlose bekommt eine Stimme - ein demokratischer Prozess.

Aber was noch wichtiger ist: Der Machtlose kann sich Luft machen. Und das ist das Negative daran. Der Einzelne handelt - befeuert durch die Bestätigung der Masse - arglos bis enthemmt und aus der Masse heraus relativ anonym. Wenige machen sich Gedanken über die Gefühle des »Opfers«. Handelt es sich nicht um ein Unternehmen, könnte der Betroffene vielleicht unverhältnismäßig leiden. Er kann nur abtauchen, abwarten und auf Gnade hoffen.

Spätestens aber dann, wenn man bei Ronson liest, dass Google durch erhöhte Nutzungsdauer und vermehrte Suchanfragen ordentlich an den Shirtstorms verdient, erkennt man die Zweischneidigkeit des digitalen Prangers.

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Fußnoten

  1. Ronson, Jon: In Shitgewittern, dt. Ausg. Stuttgart 2016.

Autor*innen

Geboren 1983, ist seit 2015 Redakteur bei KATAPULT und vor allem als Layouter, Grafiker und Lektor tätig. Er hat Germanistik, Kunstgeschichte und Deutsch als Fremdsprache an der Universität Greifswald studiert.

Sein wissenschaftliches Hauptinteresse liegt im Bereich der Sprachwissenschaft, speziell der Psycho- und Politolinguistik. 

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