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Assad-Clan

Die syrische Mafia

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Aus dem Englischen von Sarah Podszuck.

Der Bürgerkrieg in Syrien geht auf die jahrzehntelange Herrschaft einer Minderheit zurück. Die Situation ähnelt der im Nachbarland Irak, in dem die sunnitische Minderheit unter Saddam Hussein die schiitische Mehrheit massiv unterdrückte, bevor er durch das Eingreifen der Vereinigten Staaten im Jahr 2003 gestürzt wurde.

In Syrien gab es keine derartige Intervention, um die unterdrückte Mehrheit – in diesem Fall die der Sunniten – zu unterstützen. Aus diesem Grund konnte der syrische Präsident Baschar al-Assad seine Macht trotz der friedlichen Proteste gegen die 40-jährige Herrschaft der Assad-Familie im Mai 2011 aufrechterhalten. Assad wurde das Amt im Jahr 2000 von seinem Vater, Hafez al-Assad, übertragen.

Die Assad-Familie gehört zur Glaubensrichtung der Alawiten, einer Strömung innerhalb des Islam, die durch die französischen Kolonialherren im 20. Jahrhundert in Syrien verbreitet wurde. Wahrscheinlich trug der französische Rückhalt dazu bei, dass diese Religionsgemeinschaft Schlüsselpositionen innerhalb der Armee einnehmen konnte, wie beispielsweise im Raketengeschwader und dem militärischen Nachrichtendienst.

Vetternwirtschaft als Herrschaftsprinzip

Alawitischen Offizieren gelang schließlich 1963 ein Putsch, woraufhin diese die Macht übernahmen. Hafez al-Assad, ein Anführer des Putsches, führte 1970 seinerseits einen Putsch durch und wurde daraufhin Präsident. Hafez festigte die alawitische Macht besonders innerhalb der Geheimpolizei und beseitigte zudem Andersdenkende und politische Gegner – damit schuf er eine gute Grundlage für seinen Sohn und Nachfolger Bashar al-Assad.

In den 1980er Jahren schlug Hafez einen sunnitischen Aufstand nieder, der von einer bewaffneten Gruppe innerhalb der Muslimbruderschaft angeführt wurde. Die Niederschlagung endete in der Ermordung, Inhaftierung und Vertreibung von mehreren Zehntausend Sunniten. Tausende weitere tauchten unter, vor allem in der Stadt Hama. Diese wurde durch »deaths squads« kontrolliert, die wiederum durch den Bruder von Hafez, Rifaat al-Assad, angeführt wurden.

Unter Bashar konnten die Alawiten wirtschaftlich enorm wachsen, da dessen Verwandten und Gefolgsleute die Kontrolle über den Telekommunikationssektor, das Bauwesen, den Schmuggel, die öffentliche Beschaffung und die Infrastruktur sowie den Tourismus und die zollfreien Geschäfte innehatten. Hinter der Fassade war diese Minderheitenherrschaft aber äußerst fragil.

Familiäre Rivalitäten und illegale Geldgeschäfte trugen dazu bei, dass die führende Elite zu einer Art syrischen Mafia wurde.

Familiäre Rivalitäten und illegale Geldgeschäfte trugen dazu bei, dass die führende Elite zu einer Art syrischen Mafia wurde. Dadurch herrschten hin und wieder Zustände wie in dem Filmklassiker »Der Pate«. So versuchte beispielsweise Rifaat, Hafez in den 1980er Jahren zu entmachten. Maher al-Assad, der Bruder Bashars und die einflussreichste Person im Militär, schoss 1992 Assef Shawkat, der ehemaliger Geheimdienstchef und gleichzeitig sein Schwager war, an. 2012 kam Shawkat schließlich bei einem Bombenangriff ums Leben.

Nicht nur Russland unterstützt Assad

Als die syrischen Aufstände im Jahr 2011 ausbrachen, wurde jeglicher gesellschaftlicher Protest und öffentliche Versammlungen, die nicht dazu dienten, Bashar zu feiern, für die nächsten Jahrzehnte verboten. Das Assad-Regime lernte schnell von den Aufständen des Arabischen Frühlings in den Nachbarstaaten Tunesien, Ägypten und Libyen und setzte an den Hauptversammlungsplätzen Sicherheitskräfte ein. Aus diesem Grund blieben Moscheen die einzigen Orte, an denen Demonstrationen noch stattfinden konnten. Die Aufstände bekamen dadurch rasch einen sunnitischen Charakter.

Assads Truppen reagierten auf die größtenteils friedlichen Demonstranten mit Beschuss und der Entsendung von Panzern in die Städte, in denen die größten Kundgebungen stattfanden. Dazu gehörte Deraa an der südlichen Grenze zu Jordanien, Hama im Zentrum des Landes und Deir-ez-Zor in der Wüste, an der östlichen Grenze zum Irak.

Die sunnitischen Mitglieder des Militärs beteiligten sich nicht an der Niederschlagung der Aufstände und verließen nach und nach ihre Einheiten. So konnten sie in der zweiten Jahreshälfte 2011 die »Freie Syrische Armee« (FSA) gründen. Da die FSA keine Unterstützung von außen bekam, wurde sie rasch durch Dschihadisten unterwandert. Viele von ihnen hatte Assad zuvor aus Gefängnissen entlassen, um den friedlichen Kern der Aufstände durch extremistische Gruppierungen zu untergraben.

Die Dschihadisten erhielten ihrerseits Unterstützung durch ausländische Rekruten, da Assad mehr und mehr auf Milizen aus dem Libanon, dem Iran und Afghanistan setzte, um sein Regime zu stützen. Die meisten der Pro-Assad-Milizen sind Schiiten, eine Glaubensrichtung, die aus ideologischer Sicht den Alawiten nähersteht als den Sunniten. Auch Russland, ein alter Verbündeter der Alawiten, hilft Assad, indem es die FSA und die Dschihadisten seit August 2015 bombardiert.

Assads Luftwaffe beschloss, die Städte der sunnitischen Rebellen durch eine Flächenbombardierung zu zerstören. Das ist auch der Hauptgrund für die Massenflucht aus Syrien. Viele dieser Flüchtlinge sind nun in Deutschland. Die USA verübten 2014 ihrerseits Luftschläge auf die Dschihadisten, besonders auf den sogenannten Islamischen Staat (IS), der eine Abspaltung der Terrororganistion al-Qaida ist. Für Washington hat die Zerstörung dieser terroristischen Gruppierung Vorrang gegenüber der Schwächung des Assad-Regimes. Das ist besonders vor dem Hintergrund interessant, dass die sunnitischen Feindseligkeiten gegen Assad den sunnitischen Extremismus innerhalb und außerhalb des Landes zusätzlich angeheizt haben.

Eine Lösung von außen gibt es nicht

Heute ist Syrien zersplittert. Assad ist es faktisch gelungen, eine Minderheitenallianz, bestehend aus Alawiten, Christen und Kurden, aufzubauen, die es ihm ermöglicht, Damaskus unter seiner Kontrolle zu halten. Das Assad-Regime kontrolliert auch immer noch die Küste, die Städte Hama und Homs, die Hälfte von Deraa (den Ausgangspunkt der Aufstände) und zur Hälfte Aleppo (ein antikes Handelszentrum) im Norden, nahe der türkischen Grenze. Den Rest des Landes und auch das bedeutsame Flussbecken des Euphrat beherrscht der IS.

Andere dschihadistische Gruppen, von denen manche durch die Türkei und die arabischen Golfstaaten unterstützt werden, haben eine starke Präsenz in und um Aleppo. Die »Armee des Islam« – eine durch die Saudis unterstütze Rebellengruppe – kontrolliert die Vororte von Damaskus, die sogenannten al-Ghouta. Die Überreste der FSA harren in Deraa aus, einer Stadt 100 Kilometer südlich von Damaskus. Die Kurden, die als der »opportunistischste« Akteur im Bürgerkrieg auftraten, haben drei selbsternannte Bezirke in Nordsyrien eingenommen.

Auf der internationalen Ebene versuchen die Vereinten Nationen seit Mitte 2015 durch Friedensgespräche eine Lösung des Konflikts herbeizuführen. Die Bedrohung durch die Dschihadisten führt dazu, dass der Westen Assad stärkt und zulässt, dass Russland in Syrien sowohl extreme Kräfte wie den IS als auch moderate Kräfte wie die Assad-Oppositionellen mit Luftangriffen bombardiert.

Viele Sunniten werten die Friedensgespräche als ein Ultimatum der USA: »Akzeptiert, dass die alawitische Minderheitenherrschaft in Syrien bestehen bleibt, oder wir werden zulassen, dass Assad euch zerstört.« Jedoch wird keine Bombardierung und keine Einmischung von außen verhindern können, dass der Extremismus innerhalb der sunnitischen Mehrheit, die schon seit Jahrzehnten unterdrückt wird, weiterhin schwelt.

Fußnoten

  1. Die Sunniten bilden die größte Glaubensrichtung innerhalb des Islam.
  2. Die Schiiten stellen die zweitgrößte islamische Glaubensgemeinschaft dar. Der Konflikt zwischen den beiden Strömungen geht auf die Diskussion zurück, wer die Gemeinschaft der Muslime anführen soll.
  3. Eine sehr einflußreiche islamistische Bewegung im Nahen Osten. Sie gehört zur Glaubensströmung der Sunniten.
  4. Auf Deutsch: »Todesschwadrone«. Eine bewaffnete Gruppe, die Menschen zum Zwecke der politischen Unterdrückung tötet oder verschwinden lässt.
  5. Der Begriff Dschihad bezeichnet in der islamischen Religion die Anstrengung, den Kampf auf dem Weg zu Gott. Im Deutschen wird er häufig als »heiliger Krieg« übersetzt.

Autor*innen

Gastwissenschaftler bei "Stiftung Wissenschaft und Politik" und langjähriger Korrespondent der Nachrichtenagentur Reuters

Forschungsschwerpunkte
Syrien
Irak
Naher und Mittlerer Osten

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