Spionage
Zur Psychologie der Nachrichtendienste
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Wie bringt ein Staat Menschen dazu, in gegnerischen oder befreundeten Staaten zu spionieren? Was ist und zu welchem Zweck gibt es Nachrichtendienstpsychologie? Von HELMUT MÜLLER ENBERGS



Den Begriff "Nachrichtendienstpsychologie" gibt es erst seit dem Jahre 2003, als der Psychologe Sven Max Litzcke (Hannover) ihn als Titel einer gleichnamigen Buchreihe einführte. Der Gegenstand aber, um den es hierbei geht, existiert schon seit über zweitausend Jahren und verfolgt die Frage: Wie bringt ein Staat Menschen dazu, in gegnerischen oder befreundeten Staaten beziehungsweise Organisationen für ihn zu spionieren? Hinter dieser schlichten Frage steckt ein Universum an möglichen Antworten, ohne dass die gültige Antwort bis heute gefunden wurde.

An sich gehört die Suche nach Antworten nicht an die Öffentlichkeit, zumal betroffene Staaten sich sogleich gegen solche Spionageversuche wappnen würden. Diese vertrackte Konstellation sorgte dafür, dass darüber nicht öffentlich diskutiert wurde. Und obgleich diese Frage durchaus für Staaten einen existentiellen Charakter haben kann, gibt es keinen Lehrstuhl und kein Seminar, an denen dergleichen akademisch diskutiert würde. Auch die entsprechende Buchreihe Litzckes unterliegt diesem Zwiespalt: Wie viel Öffentlichkeit darf es sein, ohne Geheimnisse der Spionagekunst zu verraten; und wie viel Öffentlichkeit ist erforderlich, um wissenschaftlichen Standards gerecht zu werden?

Doch der Reihe nach. Zunächst ist zu klären, ob unser Land überhaupt noch einen Nachrichtendienst benötigt und was er leisten soll. Jeder Staat, auch unser Land, ist auf Dauer angelegt und darum bemüht, seine Existenz abzusichern. Er ist nach Max Weber ein politischer Anstaltsbetrieb, dessen Verwaltungsstab erfolgreich "[...] das Monopol legitimen physischen Zwanges für die Durchführung der Ordnung in Anspruch nimmt."1

Ein moderner Staat zeichnet sich nach Weber weiterhin durch ein Territorium, das Gewaltmonopol, ein Fachbeamtentum und eine bürokratische Herrschaft aus. Er trachtet deshalb danach, militärischen Angriffen gewachsen zu sein, ökonomisch gegenüber anderen nicht ins Hintertreffen zu geraten, seine Geheimnisse zu hüten und jeden Versuch, die Herrschaftskonstellation beziehungsweise das System gegen seinen Willen zu ändern, zu unterbinden. Er ist nach Frank Oppenheimer seinem Wesen nach eine Einrichtung, "[...] die von einer siegreichen Menschengruppe einer besiegten Menschengruppe aufgezwungen wurde mit dem einzigen Zwecke, die Herrschaft der ersten über die letzte zu regeln und gegen innere Aufstände und äußere Angriffe zu sichern."2

Frieden ist kein Naturzustand
Zu diesem Zweck wird er seine geostrategische Lage und die damit verbundenen Risiken beurteilen, die ökonomische, politische und militärische Stärke seiner Nachbarn, gleich ob gegnerisch oder verbündet, stets wissen sowie alle die innere Sicherheit beziehungsweise Stabilität gefährdenden Faktoren kennen und auch mindern wollen.3 Das gilt sowohl in Friedens- als auch in Kriegszeiten.4 Denn nach Immanuel Kant ist der Friedenszustand kein Naturzustand, sondern vielmehr ein "Zustand des Krieges", bei dem nicht Feindseligkeiten ausgebrochen sein müssen, doch eine "immerwährende Bedrohung mit denselben" besteht.5

Der Staat ist folglich auf entsprechende Kenntnisse angewiesen, die er gegenüber Dritten geheim zu halten sucht, ebenso wie er bemüht ist, an solche Kenntnisse zu gelangen. Aus diesem existentiellen Interesse heraus verstößt der Staat willentlich gegen Normen oder Gesetze eines anderen Landes.6 Er unterhält einen oder mehrere Nachrichtendienste, denen er dieses Privileg zuerkennt, sowie er umgekehrt jene bestraft, die unerlaubt Kenntnisse für Dritte beschaffen.

So lange es Staaten gibt, dürfte diese Rolle der Nachrichtendienste zeitlos gültig sein. Und trotz technologischen Einsatzes bedarf es dafür Spione – Menschen also. Diese gehen teils ein beachtliches persönliches Risiko ein, wenn sie im Ausland – das solches Handeln bestraft – illegal Nachrichten beschaffen. Nachrichtendienstpsychologie ist die Kunst, Menschen dafür zu begeistern – und erfüllt für die Bundesrepublik den Zweck, die Existenz und ihre Ordnung zu schützen beziehungsweise zu verteidigen.

"Operative Psychologie" in der DDR
Genau genommen ist Nachrichtendienstpsychologie eine Anwendungsdis­ziplin der Psychologie. Mithin werden vorhandene Konzepte der Psycho­logie auf die besonderen Anforderungen der Nachrichtendienste angewandt, etwa aus der Aus- und Fortbildung, Personalauswahl und -ent­wick­lung wie auch aus der Organisationsentwicklung. Im deutschsprachigen Raum beispielsweise hat sich das Ministerium für Staatssicherheit an seiner eigenen Hoch­schule intensiv mit diesem Thema befasst, allerdings unter der Bezeich­nung "operative Psychologie" mit entsprechendem Lehrstuhl, der aber bis zum Ende der DDR nicht bekannt war. Wie wohl nirgends sonst wur­de dort eine "Spionagetheorie" entwickelt, zur Auswahl, Prüfung, Rekru­tierung und Führung von Menschen für die nachrichtendienstliche Arbeit.7

Darin geht es um Fragen, welchem Stress die Mitarbeiter innerhalb eines Nachrichtendienstes unterliegen und was das für die Wahrnehmung bedeutet.



Einen Teil der erfolgreichen Spionage der Bundesrepublik mit zuletzt gut 3000 Agenten der Staatssicherheit, die überwiegend erst anhand der Stasi-Unterlagen enttarnt werden konnten, ist auf die umfassende Quali­fizierung der Führungsoffiziere zurückzuführen. An diese Forschungen – teils basierend auf entsprechenden Promotionen und Diplom-Arbeiten – knüpft die gegenwärtige Forschung zur Nachrichtendienstpsychologie wohl aus ethischen Gründen nicht an. Dies wird offenkundig an der jüngsten Publikation zum Thema, dem fünften Band zur Nachrichtendienstpsycho­logie.8 Darin geht es um Fragen, welchem Stress die Mitarbeiter innerhalb eines Nachrichtendienstes unterliegen und was das für die Wahrnehmung bedeutet. Was bedeutet der erste Eindruck bei einer Personenbe­ur­teilung?

In einem anderen Beitrag geht es um Korrumpierbarkeit, in dem ein­gangs behauptet wird, "[...] jeder ist käuflich, es kommt nur auf den Preis an [...]", um dann am Ende der Untersuchung zu dem Ergebnis zu gelangen: "Je­der ist beeinflussbar und kann mit Geschick und finanziellem Aufwand von seinen Interessen und Zielen abgebracht werden." Zugegeben, die Forschungen zur Nachrichtendienstpsychologie stellen noch ein Nischendasein dar, weitab von Breitenforschung; gleichwohl handelt es sich um ein An­wendungsgebiet mit Zukunft.



[1] Weber, Max: Wirtschaft und Gesellschaft. Grundriss der verstehenden Soziologie, hrsg. v. Johannes Winckelmann, Tübingen 1980, S. 38f.
[2] Vgl. Oppenheimer, Franz: Der Staat. Eine soziologische Studie, Berlin 1990, S. 14.
[3] Vgl. Stürmer, Michael: Deutsche Fragen, oder, die Suche nach der Staatsräson. Historisch-politische Kolumnen, München 1988, S. 191.
[4] Topitsch, Ernst: Stalins Krieg. Die sowjetische Langzeitstrategie gegen den Westen als ra­tionale Machtpolitik, München 1985, S. 12; Semjonow, Jurij Nikolaeyich: Die faschi­sti­sche Geopolitik im Dienste des amerikanischen Imperialismus, Berlin 1955, S. 196.
[5] Vgl. Kant, Immanuel: Zum ewigen Frieden, hrsg. von Theodor Valentiner, Stuttgart 1981, S. 23; Voigt, Rüdiger: Weltordnungspolitik, Wiesbaden 2005, S. 21.
[6] Vgl. hierzu die Argumentation des Generalbundesanwalts beim Bundesgerichtshof in sei­ner Verfügung vom 28. April 1994.- Marxen, Klaus; Werle, Gerhard (Hg.): Strafjustiz und DDR-Unrecht, Bd. 4: Spionage, Teil­bd. 4/1, Berlin 2004, S. 279-335, hier: 306 f.
[7] Vgl. Müller-Enbergs, Helmut: Inoffizielle Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicher­heit, Teil 2: Anleitungen für die Arbeit mit Agenten, Kundschaftern und Spionen in der Bundesrepublik Deutschland, Berlin 1998.
[8] Der nicht mehr von Sven Max Litzcke – der unterdessen seit 2008 eine neue Reihe unter dem Titel "Studies in Intelligence Collection and Intelligence Analysis" herausgibt –, sondern von dem Brühler Psycholo­gen Raimund Jokiel ediert wird.- Jokiel, Raimund; Wiesen, Marcus; Mark, Andreas M. (Hg.): Nachrichtendienstpsycholo­gie 5, Brühl 2010.


28.04.2015

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