Kartografie
Wahlkarten verzerren die Realität

Wahlergebnisse auf Karten darzustellen, ist kompliziert. Fast alle verzerren die Realität auf die ein oder andere Weise und können so einen völlig falschen Eindruck vom eigentlichen Geschehen erzeugen. Bestes Beispiel: die letzte Wahl in Polen. Von JAN-NIKLAS KNIEWEL

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Haben wir bei unserer Karte zu den Wahlen in Polen einen Fehler gemacht? Bei uns zeigt sie den südöstlichen Zipfel des Landes auf Kreisebene (Powiaty) in der Hand des nationalkonservativen Präsidenten Andrzej Duda. Eine im Netz kursierende Karte der Kommunen (Gminy, die nächstkleinere Verwaltungseinheit) behauptet genau das Gegenteil: Dort ist derselbe Zipfel in der Farbe des Herausforderers Rafał Trzaskowski markiert. KATAPULT-Lesern sind vermeintliche Ungereimtheiten dieser Art aufgefallen. Tatsächlich aber sind beide Darstellungen korrekt, verzerren jedoch die Realität jeweils auf ihre Weise. Das ist ein grundlegendes Problem von Wahlkarten.

Bei den US-amerikanischen Präsidentschaftswahlen gab es ein ähnliches Problem. Werden deren Ergebnisse auf County-Ebene gezeigt (dem amerikanischen Äquivalent zum Landkreis oder den polnischen Powiaty), dann ist fast das ganze Land rot eingefärbt – deswegen liebt auch Donald Trump diese Darstellungsform. Sie erweckt den Eindruck, er hätte eine riesige Mehrheit an Stimmen im Land (siehe zum Beispiel hier). Dabei hatten die Konservativen eigentlich weniger Wähler als die Demokraten. Sehr viele der von Trump gewonnenen Counties sind zwar sehr groß, aber nur spärlich besiedelt.

Die Metropolen, in denen vor allem die Demokraten gewählt werden, gehen aufgrund ihrer geringen räumlichen Größe unter. So nehmen 15.000 Wähler in der Pampa von Sweetwater County (Wyoming) auf der Karte mehr als sechsmal so viel Raum ein wie über zwei Millionen Wähler in Cook County, Illinois (dort liegt Chicago).

Ein ganz ähnliches Problem birgt die Darstellung der polnischen Wahlergebnisse auf Ebene der Kommunen (Gminy). Sie erweckt den Eindruck eines haushohen Sieges für Amtsinhaber Duda. Rot markiert sind jedoch vor allem ländliche Gegenden und Kleinstädte. Eine ländliche Kommune mit nur ein paar Tausend Wählern kann auf der Karte aber mehr Raum einnehmen als eine Großstadt. Das verzerrt die Realität: Die Wahl war eigentlich ein knappes Kopf-an-Kopf-Rennen.

Der Rückgriff auf eine zu großen Verwaltungseinheit wie der Woiwodschaften kann wiederum dazu führen, dass die Karte plötzlich eine Mehrheit für den Herausforderer suggeriert, die gar nicht der Realität entspricht. So gewann Duda die meisten Kreise in der Woiwodschaft Masowien. Trzaskowski hingegen errang nur die Mehrheit im ebenfalls dort gelegenen Warschau und dessen Vororten. Auf einer solchen Karte wird er jedoch als Sieger der gesamten Woiwodschaft ausgewiesen. Das Problem: Sie verschweigt, dass die Hochburgen des Herausforderers vor allem in größeren Städten liegen.

Zurück zum südöstlichen Zipfel Polens. Warum sieht er je nach gewählter Verwaltungseinheit anders aus? Die beiden auf Kommunalebene blau eingezeichneten Gebiete haben eine sehr geringe Bevölkerungszahl. Sie bilden gemeinsame Kreise mit anderen Kommunen, die deutlich mehr Einwohner haben und eher Duda statt Trzaskowski zuneigten.

Um solche Missverhältnisse zu umgehen, können Kartenmacher die Anzahl der abgegebenen Stimmen in die Darstellungsform miteinbeziehen. So können sie die Größe über Kreise darstellen, wie in der folgenden Karte.1



Doch alle hier gezeigten Karten haben noch einen weiteren Haken: Eine Gebietseinheit, die mit 80 Prozent der Stimmen gewonnen wurde, wird in der gleichen Farbe angezeigt wie eine, die mit nur 50,1 Prozent gewonnen wurde. Dieses Problem lässt sich beispielsweise über die Intensität der Farben lösen.

Karten sollen im Journalismus immer auch dazu dienen, dass Leser Sachverhalte sehr schnell und übersichtlich erfassen können. Je ausdifferenzierter die Karte, desto weniger intuitiv ist sie. Es gilt aber auch: Je simpler sie ist, desto weniger korrekt ist sie meist. Den perfekten Mittelweg zu finden, klappt nicht immer. Deshalb müssen Kartenersteller abwägen, mit welchem Kompromiss eine möglichst intuitive, aber zugleich auch korrekte Visualisierung gelingt – ohne den Leser zu manipulieren.

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[1] Unsere alternative Darstellungsform ist von der Visualisierung der US-Wahlergebnisse von Karim Douïebs inspiriert, die hier zu finden ist.




15.07.2020

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Kommentare


herbert   13:02 Uhr 20.07.2020

Wie immer herrlich differenziert. Das nenne ich Qualitätsjournalismus!





Stefan Heid   14:52 Uhr 16.07.2020

Der letzte satz ist gut: Der karten ersteller entscheidet trade-offs.

Allerdings kann man auch den offensiven ansatz wählen und diese gedanken kommuniziern. In einem gedruckten magazin muss man sich natülich immer überlegen welche informationen vielleicht den wertvollen papierplatz verbrauchen, aber auf einer website kann man jederzeit solche kontextinformationen hinter mouseover events verstecken und kann somit all diese gefahren kenntlich machen. Je mehr transparenz desto besser. IMMER



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