Gesundheitsvorsorge: DDR
Volkseigene Gesundheit

In der DDR war Gesundheitsvorsorge Aufgabe des Staates. Welchen Einfluss diese auf das Verhalten der Menschen hatte und worin sie sich von der Heutigen unterscheidet, erklärt JENNY LINEK



Das verstärkte Aufkommen von Masernerkrankungen seit Ende des Jahres 2014 hat unter anderem eine Debatte über die Einführung einer Impfpflicht angestoßen. Argumentationen für eine verpflichtende Impfung beinhalten zumeist den Verweis auf die "Verantwortung [...] für andere"1.

Kann ein solcher Appell jedoch Gehör finden in einer Gesellschaft, die vordergründig auf Eigenverantwortung und die individuelle Sorge um sich selbst setzt? Welche Reichweite haben Konzeptionen von Eigenverantwortung, Verantwortung für Schutzbefohlene und Kollektivverantwortung im Bereich der Gesundheitsvorsorge?

Als Diskussionsansatz für diese Fragestellung soll im Folgenden ein kurzer historischer Blick auf das vom Modell der individuellen Selbstsorge abweichende Präventionskonzept der Deutschen Demokratischen Republik (DDR) geworfen werden. Wie wurde die Verantwortung für die Mitmenschen in einem politischen System wahrgenommen, in dem Gesundheit und Krankheit nicht als persönliche, sondern als gesellschaftlich bedeutsame Werte galten?

Gesundheit ist keine Privatsache
Die Gesundheitspolitik der DDR stand in der Traditionslinie der Sozialhygiene, also dem sozialreformerischen Zweig der Hygienebewegung, der die sozialen Faktoren als Krankheitsursache in den Blick nahm und bei der Verbesserung der Lebensverhältnisse ansetzte. Zudem orientierte man sich beim Aufbau des DDR-Gesundheitswesens an den von Lenin formulierten Prinzipien des sozialistischen Gesundheitsschutzes, unter anderem an dem der staatlichen Verantwortung für die Gesundheit der BürgerInnen.

Neben dem staatlich garantierten Schutz der Gesundheit2 galt auch in der DDR die persönliche Verpflichtung, selbst für seine Gesundheit Sorge zu tragen und bei Gesundheitsstörungen zu deren Beseitigung oder Minderung beizutragen. Diese individuelle Verantwortungsbereitschaft sollte jedoch "ihre Entsprechung im kollektiven und gesamtgesellschaftlichen Rahmen finden", wie es Gesundheitsminister Ludwig Mecklinger3 1983 auf einer Konferenz für Gesundheitserziehung formulierte.

Er rief Eltern, Erzieher, Lehrer sowie alle Menschen mit Leitungsverantwortung dazu auf, ihre Verantwortung bezüglich des Gesundheitsschutzes bewusst wahrzunehmen und "gesundheitsschädigendes und damit verantwortungsloses Verhalten" nicht als Privatsache hinzunehmen, sondern als Gesellschaft sensibel darauf zu reagieren.4

Auch bei der freiwilligen Grippeschutzimpfung legten die leitenden Genossen im Partei- und Staatsapparat häufig keine Vorbildbereitschaft an den Tag.



Raucher verhindern Propaganda
Bereits in den 1960er Jahren hatten sich zahlreiche BürgerInnen in Eingaben5 über solch verantwortungsloses Gesundheitsverhalten empört, insbesondere über das Rauchen am Arbeitsplatz, genauer in den Büros, bei gemeinsamen Sitzungen und Zusammenkünften sowie in der Kantine. Dabei wurden häufig explizit jene Personen in Leitungsverantwortung, zum Beispiel die Funktionäre des Partei-, Staats- und Wirtschaftsapparates oder der Massenorganisationen, als besonders rücksichtslose Raucher benannt. Auch bei der freiwilligen Grippeschutzimpfung legten die leitenden Genossen im Partei- und Staatsapparat häufig keine Vorbildbereitschaft an den Tag.

Einerseits war also bei Teilen der Bevölkerung ein kollektives gesundheitliches Verantwortungsbewusstsein ausgeprägt, denn viele der EingabenschreiberInnen wandten sich auch im Interesse anderer Nichtraucher, beispielsweise Ihrer KollegInnen, an die staatlichen Behörden, um auf gesundheitsbeeinträchtigende Zustände zu verweisen. Andere brachten in ihren Eingaben konkrete Verbesserungsvorschläge oder Analysen vor, die darauf abzielten, dass der Staat seiner Verantwortung im Bereich Gesundheitsschutz stärker nachkäme, und handelten damit ebenfalls verantwortlich im Sinne der Gemeinschaft.

Andererseits lassen sich viele Belege dafür finden, dass Appelle zur Verhütung von Krankheiten und zur gesamtgesellschaftlichen Verantwortung für den Schutz der Gesundheit keinerlei Wirkung hinterließen. Zum Beispiel lassen sich hier diejenigen anführen, die sich über die Bitten und Beschwerden von PassivraucherInnen6 lustig machten oder Hinweisschilder zum Nichtrauchen in öffentlichen Räumen kurzerhand umdrehten.

Gesundheitserzieherische Fragestellungen erlangten insgesamt, in der Gesundheitspolitik wie auch in anderen gesellschaftlichen Bereichen (Erziehung, Bildung und Wirtschaft), nicht die Bedeutung, die ihnen propagandistisch zugeschrieben wurde, und traten oftmals in den Hintergrund.7

Wenn der Chef zum Vorbild wird
Wurde beim Thema Nichtraucherschutz lediglich auf beharrliche Überzeugungsarbeit und die Einsicht der Raucher gesetzt,8 griff man bei den übertragbaren Krankheiten auf das Mittel der Pflichtimpfungen zurück, das auch im Kaiserreich schon zur Bekämpfung der Pocken angewandt wurde.

Durch das staatliche Impfprogramm wurden gefährliche Infektionskrankheiten zurückgedrängt: Poliomyelitis, Diphtherie und Tetanus wurden ausgerottet, Tuberkulose und Masern9 fast vollständig eingedämmt. Auch die DDR-BürgerInnen standen manchen Untersuchungen und Vorsorgemaßnahmen – egal ob gesetzlich festgeschriebenen oder nur empfohlenen – zunächst skeptisch gegenüber.

Die Krebsvorsorgeuntersuchungen auf Gebärmutterhalskrebs beispielsweise stießen zu Beginn auf erhebliche Ablehnung bei den Frauen. Die Grippeschutzimpfungen wurden von vielen als unangenehm und/oder nicht sinnvoll erachtet.

Im Laufe der Zeit etablierten sich jedoch viele der Vorsorgemaßnahmen und wurden in großer Zahl in Anspruch genommen, zumal die Behandlungen kostenfrei waren und in den (Arbeits-)Alltag der Bevölkerung integriert wurden. So fanden die Krebsvorsorgeuntersuchungen und auch Impfungen in den Betrieben statt. Die Schutzimpfungen für Kleinkinder erfolgten in der Mütterberatung oder auch in den Kinderkrippen.

Ausschlaggebende Faktoren für eine hohe Teilnahmebereitschaft an vorbeugenden Maßnahmen waren: eine gute Organisation und Verlässlichkeit, ein erkennbarer Nutzen beziehungsweise Verständnis für die Maßnahmen, eine breit angelegte und insbesondere an die individuellen Bedürfnisse angepasste Gesundheitsaufklärung sowie in gewisser Hinsicht auch die Vorbildfunktion der Leiter und Vorgesetzten.

Verpflichtung muss freiwillige Entscheidung sein
Deutliche Defizite hatte die DDR-Gesundheitserziehung in Bezug auf die aktive Einbeziehung der Bevölkerung. Der Anspruch des Staates, alles zu regeln und für alles zuständig zu sein, hat die Entwicklung eines Gesundheitsbewusstseins bei den BürgerInnen sicherlich behindert. Zusammen mit anderen Einflüssen hat dies zu einer weit verbreiteten "Laissez-faire-Haltung"10 geführt.11

Demgegenüber sollte der Vorteil des heutigen Gesundheitssystems darin bestehen, dass die Anliegen der Bevölkerung mit berücksichtigt werden und eine offene, moderne Gesundheitsaufklärung, begleitet von kritischen Diskussionen, betrieben wird. Auch die Einführung einer Impfung per Gesetz ist auf die wohlwollende Teilnahme der BürgerInnen angewiesen.

Denn: Welche Konsequenzen hätte die Verweigerung der Pflichtimpfung? "Wer vorbeugen will, muss nicht nur wissen, was zu tun ist, sondern muss es auch durchsetzen können."12 Dass Verpflichtung nicht automatisch heißt, dass alle partizipieren, kann selbst für die DDR-Präventionsgeschichte gezeigt werden. Dessen muss man sich bei der Einführung einer Pflichtimpfung, die bei einer Krankheit wie den Masern sehr sinnvoll ist, wie Bartens (siehe Fußnote 1) in dem oben angeführten Kommentar plausibel darlegt, bewusst sein. Dabei auf die Verantwortungsbereitschaft für andere zu setzen, wäre eine wünschenswerte Motivation.

Vielversprechender scheinen jedoch eine breit angelegte Aufklärungskampagne, die auch auf die Anliegen und Sorgen der Bevölkerung eingeht, ein guter und mit wenig Aufwand für die Teilnehmenden verbundener organisatorischer Ablauf der Impfmaßnahme sowie der langfristige Effekt der Gewöhnung und des Bewusstmachens der Erfolge bei der Zurückdrängung der Krankheit.



[1] S. bspw. Bartens, Werner: Masern-Impfung. Gefährliche Ignoranz, in: Süddeutsche Zeitung (01.03.2015), URL: http://www.sueddeutsche.de/gesundheit/streit-ueber-masern-impfung-gefaehrliche-ignoranz-1.2370178, 14.07.2015.
[2] In der DDR-Verfassung von 1968 wurde das Recht auf den Schutz der Gesundheit in Artikel 35, Absatz 1 festgeschrieben: "Jeder Bürger der Deutschen Demokratischen Republik hat das Recht auf Schutz seiner Gesundheit und seiner Arbeitskraft."
[3] Ludwig Mecklinger (1919-1994) war von 1971 bis 1989 Minister für Gesundheitswesen der DDR.
[4] Nationales Komitee für Gesundheitserziehung der DDR (Hrsg.): Der Beitrag der Gesundheitserziehung zur weiteren Gestaltung der sozialistischen Lebensweise. Hauptreferat des Ministers für Gesundheitswesen der DDR, OMR Prof. Dr. sc. med. Ludwig Mecklinger auf der VII. Nationalen Konferenz für Gesundheitserziehung "Sozialistische Lebensweise und Gesundheit", Dresden 1983, S. 13.
[5] Bei Eingaben handelte es sich nach Artikel 103 der DDR-Verfassung von 1968 um "Vorschläge, Hinweise, Anliegen oder Beschwerden", mit denen sich jeder Bürger in schriftlicher oder mündlicher Form an die Volksvertretungen und ihre Abgeordneten sowie alle staatlichen und wirtschaftlichen Organe wenden konnte.
[6] Auch wenn der Nichtraucherschutz damals noch nicht den Stellenwert hatte, den er heute einnimmt, so wurde den DDR-Bürgerinnen und -Bürgern schon seit Ende der 1950er Jahre der Zusammenhang zwischen Rauchen und Lungenkrebs durch Veröffentlichungen in der Presse und durch diverse Gesundheitsaufklärungsmaterialien klargemacht, und auch die Schädlichkeit des Passivrauchens war zu dieser Zeit bereits bekannt.
[7] Vgl. Lämmel, Rolf: Gesundheitserziehung, in: Spaar, Horst (Hrsg.): Dokumentation zur Geschichte des Gesundheitswesens der DDR. Teil 4: Das Gesundheitswesen der DDR in der Periode des Übergangs zum umfassenden Aufbau des Sozialismus und der Entwicklung seines ökonomischen Systems (1961-1971), Berlin 2000, S. 216. (Veröffentlichungen Interessengemeinschaft Medizin und Gesellschaft, Bd. 29/30)
[8] Hintergründe für diesen sehr moderaten Kurs gegenüber den Rauchern waren unter anderem die Ankurbelung der staatlichen Tabakproduktion sowie die Tatsache, dass auch in der DDR und in anderen sozialistischen Ländern die Zigarette zum weit verbreiteten Kulturgut gehörte. Von Regierungsseite erfolgten weder entschlossene Stellungnahmen noch administrative Schritte zur Eindämmung des Tabakkonsums.- Vgl. dazu u.a. Neuburger, Mary: Inhaling Luxury. Smoking and Anti-Smoking in Socialist Bulgaria 1947-1989, in: Crowley, David; Reid, Susan E. (Hrsg.): Pleasures in Socialism. Leisure and Luxury in the Eastern Bloc, Evanston 2010, S. 239-258.
[9] Ende der 1980er Jahre erkrankten pro Jahr nur noch 16 Kinder an Tuberkulose. Bei den Masern galt eine Morbiditätsrate von unter 1 zu 100.000.- Vgl. Ewert, Günter: Organisation und Praxis der Prävention in der Deutschen Demokratischen Republik, in: Elkeles, Thomas; Niehoff, Jens-Uwe; Rosenbrock, Rolf; Schneider, Frank (Hrsg.): Prävention und Prophylaxe. Theorie und Praxis eines gesundheitspolitischen Grundmotivs in zwei deutschen Staaten 1949-1990, Berlin 1991, S. 113.
[10] Bezeichnung für ein Gewährenlassen oder eine Nichteinmischung.
[11] Appen, Ursula von: Theoretisches Konzept und gesellschaftliche Wirklichkeit der Gesundheitserziehung. Erfahrungen des Kreiskabinetts/Kreiskomitees für Gesundheitserziehung Schwerin, in: Thiele, Wilhelm (Hrsg.): Das Gesundheitswesen der DDR. Aufbruch oder Einbruch? Denkanstöße für eine Neuordnung des Gesundheitswesens in einem deutschen Staat, Sankt Augustin 1990, S. 268. (Forum Sozial- und Gesundheitspolitik, Bd. 1)
[12] Bröckling, Ulrich: Prävention, in: Bröckling, Ulrich; Krasmann, Susanne; Lemke, Thomas (Hrsg.): Glossar der Gegenwart, Frankfurt/Main 2004, S. 212.



31.08.2015

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