Psychologie
Virtuelle Befriedigung

Internet-Trolle sind in den Kommentarspalten keine Seltenheit. Durch welche Persönlichkeitsmerkmale sind sie gekennzeichnet und was sagt das über ihre Absichten aus? Ein Kommentar von GUNNAR AHRENS



Egal auf welchen Internetseiten, Blogs oder Katapult-Artikeln man sich die Zeit vertreibt, sich informiert oder sich austauschen möchte: Trolle sind stets nur einen Mausklick entfernt. Als Troll wird dabei eine Person bezeichnet, die versucht, auf destruktive Art und Weise durch provozierende und nicht sachbezogene Kommentare eine Diskussion zu stören.

"Ihr seid dumm! Komm mal auf dein Leben klar! Absoluter Schwachsinn! Mein Aluhut sitzt etwas zu eng!" – Das sind nur einige denkbare Kommentare, die Tag für Tag in den Kommentarspalten zu lesen sind. Wenngleich diese zu der harmloseren Kategorie von Troll-Kommentaren zählen.

Aber was genau bewegt Trolle und Provokateure dazu, sich am mobilen Endgerät die Zeit zu nehmen, um andere, an der Diskussion beteiligte Personen oder auch die Autoren zu stören, zu nerven oder sogar gegen sie zu hetzen?

Trolle als Superschurken
Mit diesen Fragen haben sich bereits erste wissenschaftliche Studien auseinandergesetzt. So untersuchte die Sprachwissenschaftlerin Claire Hardaker im Jahr 2010 Usenet-Einträge1, um die vorrangigen Ziele von Trollen zu identifizieren. Diese wollen demnach sowohl Aggression, Irreführung und Verstörung erzeugen, als auch den Erfolg ihrer Handlungen genießen.2

Im gleichen Jahr führten zwei Forscher der Indiana University eine Studie durch, in welcher sie anhand zahlreicher Interviews mit Trollen, weitere Motive, die die Trolle antrieben, identifizieren konnten. Es wurden häufig Langeweile, Rache, die Suche nach Aufmerksamkeit sowie Lustgewinn angegeben.3

Die bislang umfangreichste Studie zum Thema wurde im letzten Jahr von einem Wissenschaftler-Team der kanadischen Universitäten Manitoba, Winnipeg und British Columbia veröffentlicht. Die drei Psychologen interviewten in ihrer Studie "Trolls just want to have fun" ("Trolle wollen einfach nur Spaß haben") insgesamt 1.215 Personen und befragten sie zu ihrem Online-Verhalten.4 Die Ergebnisse der Studie sind äußerst interessant und haben daher auch eine hohe mediale Aufmerksamkeit erzeugt. So zeigten die Personen, die als mustergültige5 Trolle gelten, einen auffälligen Zusammenhang mit den Persönlichkeitsmerkmalen der sogenannten dunklen Tetrade.

Die dunkle Tetrade umfasst dabei vier Persönlichkeitsmerkmale, die von der Gesellschaft vornehmlich negativ empfunden werden. So setzt sie sich aus den Merkmalen Machiavellismus6, Narzissmus7, Psychopathie8 und Sadismus9 zusammen. Dabei sind alle Eigenschaften der dunklen Tetrade, außer Narzissmus, umso ausgeprägter, je zeitintensiver ein Troll online aktiv ist. Der Zusammenhang zwischen dem Troll-Verhalten und dem Persönlichkeitsmerkmal des Sadismus ist dabei durchweg am stärksten ausgeprägt. Der mustergültige Online-Troll hat das idealisierte Bild von sich selbst, ein Bösewicht wie in einem "Hollywoodstreifen" zu sein. Er sieht sich als jemand, der für Chaos und Verwüstung sorgt, und dafür gleichsam gefürchtet und beneidet wird.

Wie geht man mit Trollen um?
Auf staatlicher Ebene könnte man, wie in Großbritannien im Oktober letzten Jahres geschehen, eine erhebliche Verschärfung der Strafen für Gesetzesverstöße im Internet verabschieden. Laut dem damaligen britischen Justizminister Chris Grayling war es nötig, eine klare Botschaft zu senden und dadurch den Menschen verdeutlichen, dass unangemessene Äußerungen und Pöbeleien im Netz bis zu zwei Jahre Gefängnis nach sich ziehen können.10

Aber was kann man als Einzelner tun, als jemand, der sich gerne aktiv an Diskussionen beteiligt, Blogeinträge oder Artikel verfasst? Lehrbuchmäßige Ratschläge, wie man als Kommentierender oder als Moderator mit Trollen umgeht, gibt es zahlreiche. Als Autor eines Artikels wird eine transparente Moderation, eine ruhige Aufklärung und die Darstellung von vielen guten Beispielen empfohlen.11

Der Kommentierende hat hingegen drei Möglichkeiten: erstens auf der sachlichen Ebene bleiben und schlüssig argumentieren. Dies setzt aber eine gewisse Diskussionskultur voraus, die bei Trollen nur in sehr seltenen Fällen vorhanden ist. Die zweite Möglichkeit besteht darin, die Trolle zu ignorieren und sie mit Nichtbeachtung zu strafen. Die dritte, für Außenstehende oftmals amüsante Möglichkeit ist das "zurücktrollen".

Das ist allerdings dann weniger angebracht, wenn es sich um strafbare und volksverhetzende Kommentare handelt. Hier steht einem dann der Rechtsweg offen. Sobald eine Diskussion also nicht mehr auf einer mehr oder weniger humorvollen Ebene stattfindet, gilt die goldene Regel: Don't feed the Troll!12



[1] Das Unix User Network (Usenet) ist ein Netzwerk, das einen selbstständigen Dienst des Internets neben dem World Wide Web darstellt und lange vor diesem, im Jahr 1970, entwickelt wurde.
[2] Hardaker, Claire: Trolling in asynchronous computer-mediated communication. From user discussions to academic definitions, in: Journal of Politeness Research, Berlin/Boston/Beijing (6)2010, S. 215-242, URL: http://clok.uclan.ac.uk/4980/2/Hardaker,%20C.%202010.%20Trolling%20in%20ACMC.pdf, 05.11.2015.
[3] Shachaf, Pnina; Hara, Noriko: Beyond vandalism: Wikipedia trolls, in: Journal of Information Science, (36)2010, S. 357-370, URL: http://jis.sagepub.com/content/36/3/357.full.pdf, 05.11.2015.
[4] Buckels, Erin E.; Trapnell, Paul D.; Paulhus, Delroy L.: Trolls just want to have fun, in: Personality, and Individual Differences, September (67)2014, S. 97-102, URL: http://scottbarrykaufman.com/wp-content/uploads/2014/02/trolls-just-want-to-have-fun.pdf, 05.11.2015.
[5] Als Mustergültige Trolle gelten die 5,6 Prozent der befragten Personen, die sich selbst als Troll bezeichneten.
[6] Ein Machiavellist ist machthungrig, hart und mitunter skrupellos. Um seine Ziele zu erreichen missachtet er wenn nötig auch das Gesetz und die Moral.
[7] Ein Narzisst ist jemand der sich für etwas Besseres hält. Er zeichnet sich vor allem durch Selbstverliebtheit aus und ist stets der Meinung, dass ihm etwas Besseres zusteht als das, was ein Außenstehender als realistisch einschätzen würde.
[8] Ein Psychopath zeichnet sich durch mangelnde Empathie und fehlendes Konsequenzbewusstsein aus. Psychopaten sind also herzlose und kaltblütige Personen, denen die Folgen ihrer Handlungen egal sind.
[9] Ein Sadist ist jemand, der einen Lustgewinn durch die Demütigung und die Unterdrückung einer anderen Person empfindet.
[10] Vgl. URL: http://www.n-tv.de/politik/Grossbritannien-will-haertere-Internet-Strafen-article13835836.html, 05.11.2015.
[11] Vgl. URL: http://www.badische-zeitung.de/fudder-x1x/der-troll-das-sind-wir--90910767.html, 05.11.2015.
[12] Deutsche Übersetzung: Füttere nicht den Troll!


06.11.2015

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Kommentare


Carlotta Ekmel   18:10 Uhr 06.11.2015

Schöner Artikel!

Die Quintessenz des Textes, als auch die deckungsgleichen alltäglichen Beobachtungen stimmen jedoch nachdenklich. Eine lebendige und konstruktive Diskussionskultur wäre nämlich meiner Wahrnehmung nach unheimlich wichtig.



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