Französisches Bildungssystem
Verteidigung der Werte

Das französische Schulsystem wird reformiert. Welche Rolle Bildung bei der Verhinderung von Terroranschlägen spielt, erklärt DIANA BERGMANN



Mit dem neuen Schuljahr 2015/2016 soll Schule in Frankreich gerechter und anspruchsvoller werden und im Herzen der Republik stehen. Zwei Jahre hat es gedauert, diese Reformen auszuarbeiten. Am 8. Juli 2013 hatte das französische Parlament ein Gesetz zur Neugestaltung der staatlichen Schulen (Loi de la refondation de l'Ecole de la République) verabschiedet. Der derzeitige Präsident Frankreichs, François Hollande, zeigt damit, wie wichtig Jugend und Bildung für seine Amtspolitik und die Nation sind.

Seit über hundert Jahren versucht Frankreich, sein Bildungswesen zu demokratisieren, bis heute nur mit mäßigem Erfolg, wofür es sich in der Vergangenheit immer wieder Kritik einfing. Die PISA-Studie von 2012 bescheinigte dem Land westlich des Rheins, dass sich die Ungleichheiten im Schulsystem weiter verschärft hatten.

Schüler mit Migrationshintergrund und aus sozial benachteiligten Bevölkerungsschichten haben häufiger mit schulischen Schwierigkeiten zu kämpfen. Ihre Chancen auf sozialen Aufstieg sind weitaus geringer, als dies 2003 noch der Fall war. Die soziale Herkunft bestimmt über Erfolg und Misserfolg in der Primar- und Sekundarstufe und darüber hinaus.

Das zweigliedrige Studiensystem mit Elitehochschulen (Grandes Écoles) einerseits und staatlichen Universitäten andererseits, die als zweite Wahl gelten, führt diese Spaltung fort.

Schon früh entscheidet sich, welches Kind die höchsten Chancen auf sozialen Aufstieg hat. Armin Brüssow, Dozent in Pariser Vorbereitungsklassen (Classes préparatoires)1, weist darauf hin, dass "[...] das Schulsystem trotz der Bemühungen um Chancengleichheit und Massenbildung noch immer ein gewisses Klassenbewusstsein der französischen Gesellschaft [...]"2 widerspiegelt. Die Eliten grenzen sich durch Auswahlverfahren, Privatschulen und andere Privilegien ab.

Die Kirche fördert Ungleichheit
Die Grundprinzipien des französischen Schulsystems, wie sie die Regierung heute wieder in die Klassenräume zurückbringen will, stammen aus der Gründungsphase der III. Republik. Im Jahr 1876 gelang es den Republikanern zum ersten Mal, eine Regierungsmehrheit zu stellen.

Damit konnten sie ihren Wunsch nach einer laizistischen3, unentgeltlichen und verpflichtendem Schulbesuch für die gesamte Bevölkerung schrittweise umsetzen. Denn lange Zeit hatte die katholische Kirche das Monopol über die Erziehung gehalten, verbunden mit einem Hang zu althergebrachten Traditionen und dem Gedanken der Elite, einer auserwählten sozialen Klasse anzugehören.

Für die Republikaner dagegen fußte die intellektuelle und moralische Erziehung auf der Gedankenfreiheit, auf absoluter Toleranz, einer optimistischen Sicht auf den wirtschaftlichen und sozialen Fortschritt sowie auf dem Glauben an die Vernunft.

Ab 1881 galt die allgemeine Kostenfreiheit im staatlichen Grundschulsystem. Ein erster Schritt in Richtung Demokratisierung des Bildungswesens war getan. Es dauerte jedoch noch bis 1933, bis die Sekundarstufe unentgeltlich allen sozialen Klassen zur Verfügung stand. Bereits ab 1882 wurde der katholische Religionsunterricht per Gesetz im Primarbereich durch einen Staatskunde- und Ethikunterricht ersetzt. Wegweisend in dieser Umbruchphase war der damalige Ministerpräsident Jules Ferry.

Französische Schüler teurer als deutsche
Frankreich hat allen Grund, sein Schulsystem zu reformieren. Denn es gehört mit Irland zu den geburtenreichsten Ländern Europas. Etwa 2,0 Kinder pro Frau werden in Frankreich geboren. Dies liegt deutlich über dem europäischen Durchschnitt von 1,58. Ursachen für diese kinderreiche Gesellschaft finden sich in der finanziellen Unterstützung, die der Staat den Familien zugutekommen lässt, und in der Ganztageskinderbetreuung. Frauen müssen sich nicht zwischen ihren Rollen als Mutter und als berufstätige Frau entscheiden.

Die Attentate auf die Redaktion des Magazins "Charlie Hebdo" im Januar 2015 haben Werte wie Zusammenleben, kritisches Denken und Kampf gegen den Rassismus wieder in den Mittelpunkt des öffentlichen Interesses gerückt.



Zur "Rentrée", dem Wiederbeginn des Schuljahres 2015/2016, haben 12,34 Millionen Schüler den Weg zu ihrer Bildungseinrichtung eingeschlagen. Zudem hat sich das Land das Ziel gesetzt, dass 80 Prozent einer Generation das Abitur schaffen. Im Jahr 2014 lag der Wert bei 77,2 Prozent. Um dieses Ziel zu erreichen, soll die soziale Herkunft kein Thema mehr sein.

Das Engagement der Regierung für Bildung zeigt sich ebenso in finanzieller Hinsicht: Im Jahr 2015 sind 88 Milliarden Euro für die staatliche Bildung vorgesehen, der größte Posten im Staatshaushalt. Umgerechnet fallen damit Ausgaben von 6.200 Euro für einen Schüler in der Primarstufe und bis zu 12.200 Euro für einen Fachabiturienten an. In Deutschland dagegen lagen die Ausgaben pro Schüler im Jahr 2012 bei gerade einmal 6.300 Euro, unabhängig von der Schulform.

Terrorbekämpfung in der Schule
Was verspricht nun das Gesetz zur Neugestaltung der staatlichen Schulen? Eine Rückkehr zu den Wurzeln von Laizität, Gleichheit und republikanischen Werten? Die Attentate auf die Redaktion des Magazins "Charlie Hebdo" im Januar 2015 haben Werte wie Zusammenleben, kritisches Denken und Kampf gegen den Rassismus wieder in den Mittelpunkt des öffentlichen Interesses gerückt. "Die Schule hat eine moralische Verantwortung", erklärte die französische Bildungsministerin kurz nach dem Anschlag.

Gerade in Anbetracht der erneuten Terroranschläge in Paris am 13. November 2015 hat sich die Dringlichkeit erhöht, sich mit der mangelhaften Integration von Jugendlichen aus den sozial benachteiligten Vororten auseinanderzusetzen und schnellstmöglich konstruktive Maßnahmen zu ergreifen.

Gleichheit soll erreicht werden, im Sinne von Gerechtigkeit. Die höchstmögliche Anzahl an Schülern soll ihren Abschluss schaffen. Dafür investiert das Bildungsministerium besonders in sozial benachteiligte Regionen.4 Die derzeitige Bildungsministerin Najat Vallaud-Belkacem legt großen Wert auf die Beherrschung der französischen Sprache. Sie selbst stammt aus Marokko und kam mit vier Jahren nach Frankreich. Als Tochter eines marokkanischen Bauarbeiters ist sie ein positives Beispiel dafür, wie sozialer Aufstieg nach Verdienst funktionieren kann.

Mit der neuen Reform wurde das Programm der Vorschule umgestaltet. In der "École maternelle", die Kinder von drei bis sechs Jahren besuchen, sollen Unterschiede im Sprachniveau ausgeglichen werden. In der Primar- und Sekundarstufe I wird ein neuer gemeinsamer Grundstock an Kompetenzen, Wissen und Kultur zum Tragen kommen.

Für diesen Teil der Reform, der ab 2016 umgesetzt werden soll, erntete die junge Ministerin heftige Kritik sowohl von rechter als auch von linker Seite. Wie vor über 140 Jahren stehen sich auf der einen Seite die Verfechter einer auf Gleichheit gerichteten Bildung, auf der anderen Seite die Anhänger einer gewissen Elitenförderung gegenüber. Die erste Gruppe fordert, dass jedem Schüler jedes Schulfach zugänglich gemacht wird. Die zweite bevorzugt es, bestimmte Unterrichtsformen nur den besseren Schülern zuzugestehen.

Auch ein reformierter Moral- und Ethikunterricht wird seit dem neuen Schuljahr gehalten. Im Zentrum steht die Vermittlung der republikanischen und demokratischen Werte: Freiheit, Gleichheit, Solidarität, Laizität, Gerechtigkeit und Respekt vor anderen Menschen und Kulturen. Der vom damaligen Bildungsminister Vincent Peillon im Jahr 2013 versprochene "laizistische Moralunterricht"5 soll nun Realität werden.

Obwohl der Ethikunterricht in republikanischen Werten eine lange Tradition hat, wurde er doch in der letzten Dekade als "wirklichkeitsfremd" stark kritisiert. Ministerin Vallaud-Belkacem drang im Hinblick auf die Ereignisse in Paris im Januar 2015 darauf, das neue Programm so schnell wie möglich umzusetzen. Es gehe dabei nicht um theoretische Konzepte, sondern um erlebbare, praktische Erfahrungen.

Französische Streikkultur verzögert Reformen
Die Reformen des Schulsystems gehen seit Langem nur schleppend voran. Wie auch in anderen Bereichen, ob bei der Erhöhung des Renteneintrittsalters oder bei der Ehe für alle, kritisieren und demonstrieren die Franzosen, wenn es vonseiten der Politik heißt, dass grundlegende Veränderungen notwendig seien. Dies führt zu neuen Verzögerungen. Streiks der Lehrerschaft mit jedem neuen Schuljahr sind keine Seltenheit, egal ob Stellen gekürzt oder neue Lehrpläne eingeführt werden.

Es ist fraglich, ob die angestrebten Reformen im Schulsystem den erwarteten Nutzen bringen und für mehr Gerechtigkeit sorgen. Das werden erst die PISA-Studien der nächsten Jahre zeigen. Wenn sich nichts verändert, wird der Spalt zwischen den privilegierten und den sozial schwachen Bevölkerungsschichten in den nächsten Jahren weiter wachsen – zum Nachteil einer ganzen Nation.



[1] In den sogenannten Classes préparatoires werden junge Menschen auf die Eignungsprüfungen zur Aufnahme an den Elitehochschulen vorbereitet. Dieses Vorbereitungsstudium kann zwei bis vier Jahre dauern und schließt sich zumeist direkt ans Abitur an.
[2] Brüssow, Armin: Von der Krippe zum Abitur: Chancen und Widersprüche im französischen Bildungssystem, 2013, URL: http://www.bpb.de/internationales/europa/frankreich/152451/franzoesisches-bildungssystem, 25.11.2015.
[3] Der Laizismus: ist eine Weltanschauung, die die Trennung von Staat und Kirche fordert.
[4] Die sogenannten REP (réseaux d'éducation prioritaire).
[5] N.n.: La morale laïque de retour à l'école à la rentrée 2015, in: Les Échos (22.04.2013), URL: http://www.lesechos.fr/22/04/2013/lesechos.fr/0202721796270_la-morale-laique-de-retour-a-l-ecole-a-la-rentree-2015.htm, 25.11.2015.



30.11.2015

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