Flüchtlingsdebatte: Medienkritik
Prominenter Pöbel

Die Debatte um Flüchtlinge polarisiert. Flüchtlingsgegner beziehen menschenverachtende Positionen. Doch ist es deshalb legitim oder sinnvoll, ausländerfeindliche Menschen zu entwürdigen? Ein Kommentar von TIM EHLERS



"Ekelerregend degenerierte Menschendarsteller"1, "wenn Du mal 'n paar auf die Fresse haben willst, das können wir auf kurzem Wege organisieren."2 – Handfeste Ansagen mit menschenverachtendem Inhalt. Aber hierbei handelt es sich nicht um die Aussagen von unbekannten Schlägern, Rechtsradikalen oder Flüchtlingsgegnern aus den anonymen Sphären des Internets. Es sind Stellungnahmen von Prominenten, die eine große Medienöffentlichkeit genießen und eine entsprechende Reichweite erzielen. Sie bekommen derzeit große Zustimmung für ihre klaren Positionierungen gegen Flüchtlingsgegner.

Von den Komikern Oliver Kalkofe und Oliver Pocher über das Moderatorenduo Joachim Winterscheidt und Klaas Heufer-Umlauf (alias Joko und Klaas)3, den Schauspieler Til Schweiger4 bis hin zur NDR-Moderatorin Anja Reschke5, alle finden klare – mehr oder minder beleidigende – Worte nicht nur für die Schläger und Rechtsradikalen, sondern auch für die sogenannten "Ich-hab-nichts-gegen-Ausländer,-aber...-Sager". Der Grundtenor ist neben dem Vorwurf der Inhumanität vor allem der der fehlenden Intelligenz, zumeist ausgedrückt in einer Weise, in der es die (vermeintlich) Dummen auch verstehen: In die Meinungsbeiträge werden überlegt Beleidigungen eingestreut, gern auf niedrigstem sprachlichen Niveau.

Es handelt sich bei jenen Stellungnahmen zumeist ausdrücklich nicht um spontane, also möglicherweise unüberlegte, Aussagen, sondern um geplante Aufnahmen. Sie wurden vor der Veröffentlichung einer Redaktion zur Durchsicht vorgelegt. Diese Beleidigungen sind also gewollt. Mehr noch: Man begegnet dem Hass mit ebensolchem (wenn auch nur verbalem) Hass. Zieht man die Wut, das Unverständnis und die Machtlosigkeit gegenüber den Flüchtlingsgegnern ab – das wären Hinweise auf spontane Äußerungen –, bleibt die Frage: Was soll mit diesen Beleidigungen erreicht werden?

Ausgrenzung statt Dialog
Die Wirkungen betreffen ein gemischtes Publikum: Menschen, die für die Aufnahme von Flüchtlingen sind, fühlen sich vermutlich bestätigt. Unentschlossene oder Wankelmütige werden möglicherweise dazu veranlasst, nicht mit Flüchtlingsgegnern in Verbindung gebracht werden zu wollen, um nicht Ziel von Hass und Spott zu werden. Sie entscheiden sich für eine neutrale Position, oder sogar für eine Haltung contra Flüchtlingsgegner.

Flüchtlingsgegner hingegen fühlen sich aller Wahrscheinlichkeit nach beleidigt oder provoziert, vielleicht nicht ernst genommen oder aber erneut in ihrem Bild von der "Lügenpresse" bestätigt. Sie werden ausgestoßen, ein Dialog wird verhindert. Joko und Klaas unterbinden einen Dialog zusätzlich dadurch, dass sie diesen für grundsätzlich ausgeschlossen halten:

"Wir wissen auch, dass ihr euch weder von Argumenten, Anstand oder Menschlichkeit davon abhalten lasst, Sachen wie diese hier zu posten [An dieser Stelle wird ein Facebook-Kommentar im Video eingeblendet]. [...] Vielleicht werdet ihr erwachsen, kommt zur Besinnung und schämt euch ein Leben lang für diesen Sommer. Oder ihr landet im Nachmittagsprogramm von RTL. So ist das Leben. Das können und wollen wir gar nicht beeinflussen."6


Sie wollen die Flüchtlingsgegner nicht erreichen. Sie haben oder wollen keine Lösung. Sie sehen Unterdrückung und Ausgrenzung als zweckmäßiges Mittel, um dem Problem der Flüchtlingsgegner entgegenzutreten. Dadurch verhärten sich die Fronten jedoch noch stärker. Dialog wird durch Hass ersetzt. Die Folge kann nur Radikalisierung und Gewalt sein.

Problemlösung muss sachbezogen sein
Es geht nicht darum, die Verurteilung von Fremdenhass zurückzuweisen. Es geht auch nicht darum, mitfühlend gegenüber Flüchtlingsgegnern zu sein. Es geht darum, die Art und Weise des Umgangs von Humanisten mit diesem Problem zu hinterfragen.

Ein Gegenbeispiel ist die Reaktion Gregor Gysis auf einer "Bürger-Pressekonferenz" am 30. August in Berlin, bei der er eine Äußerung eines "besorgten Bürgers", der letztlich das Sozialstaatprinzip infrage stellte, kommentierte.7 Die Argumentation des Politikers löste die Einwände auf und kam ohne Beleidigungen aus. Die Antwort konzentrierte sich nicht auf die Person, sondern auf das Problem - der Lösungsansatz, die Überzeugungsarbeit, war sachbezogen.

Eine solche Herangehensweise gibt den Teil der Bevölkerung nicht auf, der sich am rechten Rand befindet. Das ist vernünftig. Das ist zielführend. Alles andere verstellt den Blick auf das Problem.



[1] Das aus dem Lateinischen stammende Wort "Degeneration" kann mit "Entartung" übersetzt werden. Aus einem Kommentar von Oliver Kalkofe vom 30.08.2015 über Flüchtlingsgegner.- URL: https://www.youtube.com/watch?v=9796uPnyq0c, 08.09.2015.
[2] Oliver Pocher zu drei Heidenauern in der Sendung "Mission Pocher - Olli in Heidenau" vom 28.08.2015.- Url: https://www.youtube.com/watch?v=LW8nLKvBxTU, 08.09.2015.
[3] Vgl. Url: https://www.youtube.com/watch?v=tBHMzCOn2Sk, 08.09.2015.
[4] Vgl. z.B. URL: http://www.rollingstone.de/verpisst-euch-von-meiner-seite-empathieloses-pack-til-schweiger-beschimpft-facebook-fans-804427/, 08.09.2015.
[5] Vgl. URL: https://www.youtube.com/watch?v=Gz8GIwgNu5Y, 08.09.2015.
[6] Aus einem Kommentar von Joko und Klaas vom 26.08.2015 über Flüchtlingsgegner.- Url: https://www.youtube.com/watch?v=tBHMzCOn2Sk, 08.09.2015.
[7] Vgl. URL: https://www.youtube.com/watch?v=bM0AIh3buig, 08.09.2015.



09.09.2015

Schreiben Sie einen Kommentar


Vorname: *
Nachname:
E-Mail: *
Ihr Kommentar: *
CAPTCHA


1 - 3

Kommentare


Henning Aha!   11:11 Uhr 15.09.2015

Lieber Bernd,
Flüchtlingsgegner (was genau soll das überhaupt bedeuten?) gehören in die braune Ecke. Und so lange es um Asylbewerber geht, stellen sich auch "Kritiker zur uneingeschränkten Aufnahme von Flüchtlingen" in die braune, weil vom Grundgesetz nicht gedeckte Ecke. So wenig man von Angela Merkel halten will - sie hat wenigstens das Grundgesetz gelesen und daraus richtig geschlossen, dass Asyl keine Frage der Zahlen ist. Wenn es um die Gewährung von Menschenrechten geht, geht es nicht um Meinungen. Bei allen anderen Themen ("Wirtschaftsmigration") würde ich (zugegebenermaßen zähneknirschend) mit vernünftigen Leuten diskutieren, obwohl mir nach wie vor nicht einleuchten will, warum ein hier geborener Mensch mehr Recht dazu haben soll, hier zu leben, als andere.
Zur verbalen Behandlung von Antiasylatzen durch Prominente bin ich ein wenig gespalten zwischen Benni und Benjamin. Bei Künstlern wie den Ärzten dürfte die Frage klar sein, bei einigen anderen (etwa Joko & Klaas) stellt sich leider ein leicht fischiger Geruch ein, obwohl das Argument, dass sie damit den "Nazis" unter ihren Fans ihre Sendung verderben, nicht von der Hand zu weisen ist. Wenn allerdings demokratisch gewählte Politiker diese Leute einfach als "Pack" aus der Bevölkerung herausdefinieren, schaffen sie damit eine selbsterfüllende Prophezeiung. Diese Menschenfeinde sind nicht einfach "Pack", sie sind Menschen, und deswegen ist eine derartige Vereinfachng schlicht falsch und hilft niemandem, außer den Populisten auf beiden Seiten, also Gabriel UND Bachmann&Co. Damit macht man es denen nur leichter, sich auch wirklich als Pack aufzuführen.

siehe hier, "Wir sind das Pack!" ab etwa Minute 1:21...
https://www.youtube.com/watch?v=N07wF2qjXsw





Bernd Stephanny   13:57 Uhr 13.09.2015

Und was sagt uns das?

Flüchtlingsgegner werden in die braune Ecke gestellt.

Kritiker zur uneingeschränkten Aufnahme von Flüchtlingen werden gleich mit dort hin gestellt.

Da wird kein Unterschied gemacht. Auch nicht von oben erwähnten Prommis.

Will sagen, in unserer Gesellschaft ist derzeit nur eine, von einer Mehrheit gewollte Meinung erwünscht.

Das, wogegen die Mehrheit lautstark und zu Recht kämpft, nämlich eine Stärkung rechter Gesinnung, wird von dieser Mehrheit zunichte gemacht, indem sie moderaten Kritikern ein Meinungsdiktat aufbürdet und den Mund verbietet.

Was ist das denn für eine Gesinnung?





Benni Bonsen   22:47 Uhr 10.09.2015

Lieber Tim,

„Du bist wirklich saudumm, darum geht’s dir gut […] “

Ist dann dieser Text von Die Ärzte auch verbesserungsfähig? Ich würde die Gegenthese wagen und sagen, klare Sprache und eine klare Linie gegenüber undemokratischen und inhumanen Position sind derzeit enorm wichtig.

Ich kann die Logik deines Arguments verstehen und finde sie auch edel. Ich bezweifle allerdings, dass durch eine moderatere Sprache ein positives Ergebnis erzielt werden würde. 99% der gefestigten Rechtsextremen ist durch Argumente nicht mehr zu verändern, egal wie freundlich die Argumente formuliert sind.
Ich würde stattdessen deinen Abschnitt über die Wankelmütigen stark machen:

„Unentschlossene oder Wankelmütige werden möglicherweise dazu veranlasst, nicht mit Flüchtlingsgegnern in Verbindung gebracht werden zu wollen, um nicht Ziel von Hass und Spott zu werden. Sie entscheiden sich für eine neutrale Position, oder sogar für eine Haltung contra Flüchtlingsgegner.“

Das sehe ich ähnlich: Das erste Ziel der klaren (unfreundlichen) Sprache ist es, eine Trennung der Gesellschaft vorzunehmen und so viele wankelmütige Bürger wie möglich auf die eigene Seite zu bekommen. Prominente sind dabei besonders wichtig, weil die meisten eher unpolitisch sind, unter ihren Fans deshalb auch Rechte haben diese eventuell erreichen können. Wären ihre Worte moderat und freundlich formuliert, könnte der Eindruck entstehen, dass es auch nicht so sehr wichtig ist, ob man trotzdem die Rechte unterstützt. Härte ist also erforderlich.

Das Markenzeichen von Joko, Klaas, Kalkhofe und Pocher war noch nie die gehobene Sprache. Lockere Sprüche und Schimpfwörter gehören zu ihrem Konzept. Sie haben sich also sprachlich nicht den „Asylkritikern“ angepasst, sondern so geredet, wie sie schon immer geredet haben. Gregor Gysi hat erwartungsgemäß im Stil der Politik geantwortet. Meine These ist also, dass hier jeder im Stil seiner natürlichen Umgebung reagiert hat.

Komik, Musik und Kunst gegen Rechts ist wichtig und muss gelegentlich hart sein, um die Wichtigkeit zum Ausdruck zu bringen.

Die Politik sollte weiterhin in ihrer Sprache agieren. Obwohl er ihn sicher kennt, hätte Herr Gysi nämlich auch nicht sagen dürfen:

„Und deine Freundin die hat niemals für dich Zeit […] A…, A…, A…!“

Beste Grüße, Bonsen



1 - 3
AUTOR/IN

ÄHNLICHE ARTIKEL

  1. UN-Berichterstattung Länder, die den UN-Migrationspakt nicht unterstützen wollen

  2. Seenotrettung Kein Geschäftsmodell für Schlepper

  3. Sanctuary Cities Wie Städte gegen den Staat rebellieren

  4. Politikverdrossenheit Wie politisch sind Studierende heute?

  5. G20 Verurteilung von Gewalt



ÄHNLICHE KARTEN















© 2018 Katapult gUG (haftungsbeschränkt)