Die Angst vor der Leere
Mutige Kartografen

Alte Weltkarten strotzen oft vor Seeungeheuern, Monstern, Schiffen und anderen Verzierungen. Grund dafür sind aber nicht weltanschauliche Vorstellungen, sondern der Wunsch damaliger Kartografen, keine leeren Flächen auf ihren Karten zu hinterlassen. Die Kunstgeschichte nennt das »Horror vacui«, die Angst vor der Leere.



Das ist das Forschungsergebnis von Chet van Duzer, einem Kartografiehistoriker vom »David Rumsey Map Center« der Stanford University. Er untersucht mittelalterliche Weltkarten und fand dutzende, die mit jeder Menge überflüssigen Illustrationen versehen wurden. Das war vor allem im 16. und 17. Jahrhundert verbreitet – und wurde von Auftraggebern wohl auch erwartet.

Neben Illustrationen sind häufig auch Textfelder in die Meere oder unerforschten Erdteile eingezeichnet. Laut van Duzer möglicherweise auch deshalb, weil die Kartografen so ihre Unkenntnis über unentdeckte Gebiete kaschieren konnten. Bis auf die Notiz eines namenlosen Kartografen, der den Horror vacui explizit thematisiert, bleibt die tatsächliche Motivation unbekannt. Es ist jedoch zu beobachten, dass die Ausschmückungen ab der Mitte des 18. Jahrhunderts zurückgingen. Unerforschte Gebiete blieben als leere Flächen bestehen. Mutig.

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Mehr dazu: https://exhibits.stanford.edu/blrcc/feature/horror-vacui


26.06.2018

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