Corona
Mehr Tests, mehr Infektionen?

Weil mehr getestet wird, steigt auch die Anzahl der Corona-Infizierten. Corona-Skeptiker sehen darin einen Beleg dafür, dass die Lage weit weniger ernst sei, als von offizieller Seite behauptet. Sind also mehr Tests die Ursache für die steigenden Infektionszahlen? Daniela Krenn



Deutschland testet zehnmal so viele Menschen auf Corona wie zu Beginn der Pandemie im März. Die Weltgesundheitsorganisation empfiehlt allen Ländern, mehr zu testen. Das ist logisch, denn wer wissen will, wie sich das Virus verbreitet, muss testen. 

Gleichzeitig regt sich Kritik an der Teststrategie Deutschlands. Der Vorwurf: Es werde zuviel getestet und dann auch noch die falschen Personen. Stimmt das? Teilweise ja, sagt Gesundheitsminister Jens Spahn.Aber: Durch die vielen Testungen würden vor allem Fälle von milden Krankheitsverläufen gefunden, die sonst unentdeckt blieben. 

Über 20 Millionen Tests sind in Deutschland seit Beginn der Corona-Pandemie durchgeführt worden. Fast eine halbe Million von ihnen fielen positiv aus. Seit Mitte August wird in Deutschland pro Woche über eine Million Mal getestet.2

Mehr Infizierte gibt es nicht wegen hoher Testzahlen
Das Robert-Koch-Institut weist darauf hin, dass die steigenden Infizierten-Zahlen nur teilweise auf das erhöhte Testaufkommen zurückzuführen sind. Die Infektionszahlen stiegen in erster Linie an, weil das Infektionsgeschehen wieder zunehme. Da Hygiene- und Abstandsregeln nicht flächendeckend eingehalten würden, breite sich das Virus schneller aus. In Zahlen: Während sich beispielsweise von Anfang Juni bis Ende Juli die Infektionszahlen mehr als verdoppelten (104 Prozent), wurde nur 75 Prozent mehr getestet. Infektions- und Testzahlen entwickelten sich also unabhängig voneinander. 

Wie und wer genau getestet werden soll, ist trotzdem weiterhin umstritten. Kritiker bemängeln beispielsweise, dass 80 Prozent der Fälle “falsch positiv” seien, eine gesunde Person also fälschlicherweise als infiziert eingestuft würde. Unsere Kollegen von Correctiv haben dazu recherchiert und herausgefunden, dass Testergebnisse mit einer Wahrscheinlichkeit von über 90 Prozent richtig ausgewertet werden. Was zu fehlerhaften Ergebnissen führen kann, sind falsch gemachte Abstriche beim Testen selbst. Ist ein Test richtig gemacht, wird er mit fast hundertprozentiger Wahrscheinlichkeit ein richtiges Ergebnis liefern.

Keine Massentests
Ministerpräsident Markus Söder ist ein großer Verfechter möglichst vieler Tests. Er forderte auch kostenlose Tests für jene, die keine Symptome aufweisen.3 In Bayern können sich seit 1. Juli alle Bürgerinnen und Bürger des Bundeslandes auch ohne Symptome testen lassen.4 Gesundheitsminister Spahn hält davon wenig und auch das Robert-Koch-Institut ist skeptisch. 

Letzteres empfiehlt gezielt zu testen, und zwar folgende Personengruppen: 


  • Menschen mit Covid-19-spezifischen Symptomen
  • Menschen, die mit einem Corona-Infizierten im engen Kontakt waren, sogenannte K1-Personen
  • Einreisende aus Risikogebieten
  • medizinisches und Pflegepersonal
  • Personen, die ins Krankenhaus eingeliefert werden
  • Bewohnerinnen und Betreuerinnen von Pflegeeinrichtungen

Diesen Richtlinien entspricht die bundesweite Teststrategie weitgehend. Lediglich Einreisende aus Risikogebieten können sich nicht mehr kostenlos testen lassen. Diese Möglichkeit gab es nur zwischen Mitte August und Ende September. Einzelne Bundesländer haben ihr Gratis-Testangebot teilweise ausgeweitet. In Hessen können sich auch Betreuerinnen von Kitas gratis testen lassen.5 In Sachsen können darüber hinaus auch bestimmte Fachärztinnen alle zwei Wochen einen kostenlosen Test in Anspruch nehmen. Einmal gratis testen lassen, können sich Personen, die eine Pflegeeinrichtung oder ähnliches besuchen.6 Berlin testet ebenfalls alle Kita-Betreuerinnen und auch alle Lehrerinnen.7 Stichproben in Kitas und Schulen werden in Brandenburg und Schleswig-Holstein gemacht.8 Bis zu drei kostenfreie Tests stehen Beschäftigen von Schulen und Kitas derzeit in Nordrhein-Westfalen zu.9 Im Saarland, Mecklenburg-Vorpommern und Bremen werden ebenfalls Lehrerinnen, Kita-Betreuerinnen und Pflegekräfte unentgeltlich getestet.10

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[1] Khamis, Sammy; Rohrmeier, Sohie; Ringler, Niels; Kühne, Steffen: #Faktenfuchs: Mehr Corona-Tests, mehr Infizierte?, auf: br.de (7.8.2020). 
[2] Robert-Koch-Institut (Hg.): Erfassung der SARS-CoV-2-Testzahlen in Deutschland, auf: rki.de (21.10.2020).
[3] Beck, Sebastian: Möglichst viele Tests sind noch keine Strategie, auf: sueddeutsche.de (4.9.2020).
[4] Bayrisches Staatsministerium für Gesundheit und Pflege (Hg.): Bayrische Teststrategie, auf: stmgp.bayern.de.
[5] Hessisches Sozialministerium für Soziales und Integration (Hg.): Kostenfreie Tests bis 15. November, auf: soziales.hessen.de.
[6] Ärztezeitung (Hg.): Ab Oktober neue Regeln für Coronatests in Sachsen, auf: aerztezeitung.de (24.9.2020).
[7] Rbb24 (Hg.): Berlin will mehr, aber nicht alle testen, auf: rbb24.de (29.6.2020).
[8] Ministerium für Soziales, Gesundheit, Integration und Verbraucherschutz des Landes Brandenburg: Corona-Teststrategie, Stichproben beginnen, auf: msgiv.brandenburg.de (10.8.2020).
[9] Landesregierung Nordrhein-Westfalen: Beschäftigte in Schulen und Kindertagesbetreuungen, auf: land.nrw.de (8.10.2020).
[10] Landesregierung Saarland (Hg:): Neue saarländische Teststrategie soll die Pandemie weiter eindämmen, auf: corona.saarland.de (16.7.2020); Landesregierung Schleswig Holstein (Hg.): Corona-Pandemie, auf: schleswig-holstein.de (20.8.2020); Landesregierung Mecklenburg-Vorpommern (Hg.): Corona Teststrategie, auf: regierung.mv.de (PDF, 19.8.2020); Helberg, Cristina: Corona-PCR-Test und Vortestwahrscheinlichkeit: So kann es zu falschen Ergebnissen kommen, auf: correctiv.org (18.6.2020).


30.10.2020

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