Overtourism
Malle ist überall

Urlauber sind so lange erwünscht, bis es zu viele werden. Orte werden dann mit dem Etikett "übertouristisch" versehen. Lokale Bevölkerungen protestieren immer häufiger gegen die aufkommenden Touristenmassen. Doch ab wann ist ein Ort überlaufen? Von STEFANIE SCHULDT

<

>

Für viele Orte sind Touristen eine der wichtigsten Einnahmequellen – und gleichzeitig werden die Besucher zum Problem. Immer mehr Städte und Regionen klagen über einen nicht zu bewältigenden Touristenandrang. Die Folgen für die Einwohner sind Lärmbelästigung, Verschmutzungen, steigende Mieten und Beeinträchtigungen des Verkehrs.

Das Phänomen heißt Overtourism: zu viele Touristen zur selben Zeit am selben Ort. Sie bringen ganze Städte an ihre Kapazitätsgrenzen. Betroffene Gemeinden verfolgen deswegen unterschiedliche Strategien, um Besucherzahlen zu reduzieren. Barcelona etwa stoppt den Neubau von Hotels und reglementiert die Vermietung von Ferienunterkünften. Amsterdam entfernte 2018 das beliebte Selfie-Motiv »I love amsterdam« vor dem Rijksmuseum. Dubrovnik erlaubt in seinem Hafen nur noch zwei Kreuzfahrtschiffe pro Tag. Venedig plant, Eintrittsgeld zu verlangen.

Zwar dominieren einzelne Städte die Schlagzeilen zu dieser Problematik. Betroffen sind aber auch ganz andere, medial unterrepräsentierte Urlaubsziele. Küstenregionen und Naturdenkmäler kämpfen vor allem mit den ökologischen Folgen eines zu großen Andrangs. So brachten der philippinischen Insel Boracay 2,1 Millionen Besucher im Jahr 2017 nicht nur Einnahmen, sondern vor allem viel Müll. Die Insel wurde gesperrt, aufgeräumt und erst nach sechs Monaten wieder geöffnet.

Die Maya-Bucht auf der thailändischen Insel Ko Phi Phi Leh, die 1999 als Kulisse für den Film The Beach diente, ist seit 2018 auf unbestimmte Zeit geschlossen. Der infolge des Filmerfolgs aufkommende Besucheransturm schädigte die Korallenriffe, die sich nun erholen sollen. Ähnlich in Island: Auch hier schritt die Regierung zum Schutz der Natur ein. Die Schlucht Fjaðrárgljúfur litt dermaßen unter Hunderttausenden Besuchern, die sich abseits der Wege aufhielten, dass sie 2019 zeitweise gesperrt wurde.1 Justin Bieber hatte dort 2015 ein Musikvideo aufgenommen.

Die Tourismusbranche wächst seit Jahren. Regelmäßig werden neue Rekordzahlen veröffentlicht. Auch die Welttourismusorganisation (UNWTO) bestätigt den Wachstumstrend. So stiegen die weltweiten Ankünfte von Touristen im Jahr 2018 um fünf Prozent auf insgesamt 1,4 Milliarden Menschen – zwei Jahre früher als vorhergesagt.2 Die Ursachen sind komplex. Ein starkes Wirtschaftswachstum, günstige Flugreisen, Kreuzfahrttourismus und neue Geschäftsmodelle sind nur einige Faktoren, die das Reiseverhalten in den letzten Jahren verändert haben. Wächst die Mittelschicht, können sich mehr Menschen Reisen leisten.

Menschen machen dort Urlaub, wo sie die besten Instagram-Fotos bekommen
Wann Overtourism einsetzt, ist nicht klar festgelegt, allgemeingültige Indikatoren und konkrete Zahlen lassen sich nur schwer definieren. Wieviel »zu viel« ist, unterliegt in der Regel einer subjektiven Wahrnehmung – und zwar sowohl aus der Perspektive der Städte als auch aus der der Touristen, die sich an überlaufenen Orten nicht mehr wohlfühlen. Die Welttourismusorganisation beschreibt die Tragfähigkeit eines Ortes dementsprechend vage als maximale Anzahl von Touristen, die diesen zur selben Zeit besuchen können, ohne Zerstörungen anzurichten oder die Zufriedenheit der Besucher einzuschränken.3



Wie Touristen die Situation an überfüllten Urlaubsorten empfinden und welche Konsequenzen sie daraus für ihr eigenes Reiseverhalten ziehen, zeigt eine Studie der Internationalen Hochschule Bad Honnef (IUBH). Dafür wurden 384 Personen zum Thema Overtourism und ihrem eigenen Reiseverhalten befragt. Zwei Drittel aller Befragten kannten die Problematik des Overtourism und verbanden damit vor allem Venedig, Barcelona, Paris, Rom und Amsterdam. Die Mehrheit sei dennoch – oder gerade deshalb – bereit, die überfüllten Städte zu besuchen. Claudia Möller, Professorin für Tourismusmanagement an der IUBH, vermutet, dass beliebte Orte gleichzeitig als ein »Must see« vermarktet werden, also als Städte, die man gesehen haben muss.4

Häufig beeinflussen die sozialen Medien – vor allem die Fotoplattform Instagram –, welche das sind. Dank der Reichweite von Instagram werden einzelne Motive sehr schnell und weltweit bekannt. Und mit ihnen Orte, deren touristische Infrastruktur dem rasanten Besucheransturm nicht gewachsen sind. Für die Motive, die sich besonders gut für Fotos eignen, gibt es mittlerweile eine eigene Beschreibung: »Instagramability«. Eine Umfrage eines britischen Versicherungsunternehmens ergab sogar, dass gut 40 Prozent der 18- bis 33-jährigen Befragten ihr Reiseziel danach auswählen, wie Instagram-tauglich es ist.5 So ziehen einzelne Sehenswürdigkeiten überproportional viele Menschen an, die ein gemeinsames Ziel haben: das perfekte Urlaubsbild.

Die meisten Reisenden suchen dabei eine authentische Atmosphäre, in der sie andere Kulturen und Sehenswürdigkeiten erleben können, so das Ergebnis der IUBH-Befragung. Überfüllte Orte beeinträchtigen jedoch das Reiseerlebnis. Laut dem World Travel Monitor der Tourismusmarketingfirma IPK International fühlt sich etwa jeder zehnte Reisende davon gestört.6

Welche Orte sind die überfülltesten?
Gemeinsam mit dem World Travel and Tourism Council veröffentlichte die Beratungsfirma McKinsey im Jahr 2017 eine Analyse zum Umgang mit überfüllten Orten. Sie untersuchte verschiedene Probleme und Lösungsansätze. Eine zentrale Erkenntnis: Es ist für einen Ort einfacher, Überfüllung zu vermeiden, als sich davon zu erholen.7

Um langfristig Maßnahmen gegen die Ursachen und Folgen von Overtourism zu entwickeln, gab auch der Ausschuss für Verkehr und Tourismus des Europäischen Parlaments (Tran) eine Studie in Auftrag.8 Die Wissenschaftler untersuchten nicht nur Städte – darin unterscheiden sie sich von anderen Publikationen. Sie betrachteten 41 Einzelfälle aus vier Kategorien, 29 aus EU- und zwölf aus Nicht-EU-Ländern: Städte, Küsten und Inseln, ländliche Gebiete sowie Kultur- und Naturerbestätten. Ergebnis: Städte sind die am wenigsten gefährdeten Reiseziele.



Besonders zwei Werte erwiesen sich als aussagekräftige Hinweise für das Vorhandensein von Overtourism. Zum einen die Tourismusdichte: die Anzahl der Touristen pro Quadratkilometer. Zum anderen die Tourismusintensität, also die Anzahl der Touristen je 100 Einwohner. Die Zahlen unterschieden sich für verschiedene Orte zum Teil stark – abhängig von der zugeordneten Kategorie. In den ausgewerteten Städten betrug die durchschnittliche Touristendichte pro Tag 221,4. Auf 100 Einwohner kamen hingegen im Schnitt nur 6,3 Touristen. Besonders hoch und dicht beieinander lagen die beiden Werte für Küstenregionen und Inseln. Dort hielten sich im Schnitt 306,3 Urlauber pro Quadratkilometer und 279,4 Menschen je 100 Einwohner auf. Die Wissenschaftler stellten fest: Eine Kombination aus einer hohen Anzahl von Touristen pro Einwohner und Quadratkilometer erhöht das Risiko von Overtourism.

Wächst der Tourismus, kann sich das ökologisch, sozial und kulturell negativ auswirken. Welche Folgen überwiegen, hängt immer vom jeweiligen Zielort ab. Im städtischen Umfeld dominieren soziale Einflüsse. Auswirkungen auf die Umwelt überwiegen in ländlichen Regionen. An Küsten und bei Sehenswürdigkeiten sind alle drei Bereiche betroffen. Die Wissenschaftler stellten 18 verschiedene Einflussgrößen fest, von denen drei – allesamt Umweltauswirkungen – in der Hälfte der untersuchten Fallstudien auftraten: eine überlastete Transportinfrastruktur, überfüllte Sehenswürdigkeiten sowie auftretende Verschmutzung und Probleme bei der Abfallentsorgung.

800.000 Besucher auf 200 Einwohner
Urbane Zentren können besser gegen die Probleme des Massentourismus vorgehen als ländliche Regionen und Küstenorte. Einige Städte entwerfen bereits Strategien, wie sie ihre historischen Zentren für die Zukunft erhalten können.

Andere Orte, beispielsweise im dünn besiedelten Norwegen, sind darauf weniger vorbereitet. Der Geirangerfjord gehört zum Unesco-Welterbe und ist eines der meistbesuchten Ziele des Landes. In dem nahegelegenen Dorf Geiranger leben 200 Einwohner. Zwischen Mai und September kommen aber jedes Jahr zwischen 800.000 und eine Million Besucher dorthin. Das entspricht zirka 30 Touristen je Einwohner – pro Tag. Besonders problematisch ist die Situation, wenn mehrere Kreuzfahrtschiffe gleichzeitig im Hafen anlegen.9 Etwa 200 Schiffe steuerten den Ort in der Saison 2018 an.

Die Emissionen, die durch den Verkehr entstehen, verschmutzen Fjorde, die Luft und das Wasser. Die norwegische Regierung hat die Umweltauflagen für den Geiranger- und den Nærøyfjord seit März 2019 verschärft und plant, die Emissionen schrittweise weiter zu verringern. Auch die Zufahrt über die Serpentinenstraßen ist bei so großen Besuchermassen überlastet. Die Verkehrswege stammen aus einer Zeit, in der ein solcher Ansturm noch nicht absehbar war.10

Die Konsequenzen des Booms werden von den Touristen weniger direkt wahrgenommen – sogenannte unsichtbare Belastungen, wie eine britische Studie sie nennt. Darunter verstehen die Autoren die nicht berücksichtigten Mehrkosten für ein Urlaubsland. Sie sind notwendig, um den Tourismus überhaupt grundlegend zu steuern. Diese Ausgaben etwa für den Ausbau der Infrastruktur oder die Abfallentsorgung sollten künftig auch in Berechnungen auftauchen, fordern sie.11

Auf der griechischen Insel Rhodos verdoppelt sich in der Hauptsaison die Zahl ihrer Bewohner – und damit auch der Energiebedarf. Die griechische Regierung finanzierte deshalb ein zweites Ölkraftwerk, das 2018 in Betrieb genommen wurde. Von der umweltschädlichen Stromerzeugung ganz abgesehen, macht das Projekt die Insel nun für weitere Jahre abhängig von fossilen Brennstoffen.

Was als »Nebenkosten« zusätzlich beachtet werden muss, ist das Wasser, das die gesamte Tourismusindustrie verbraucht. Wasserressourcen, besonders in trockenen Gegenden, werden somit zusätzlich beansprucht. Weltweit häufen sich die Fälle, bei denen die örtlichen Kapazitäten an Frischwasser erschöpft sind, beispielsweise auf der indonesischen Insel Bali. Am stärksten trifft die Wasserknappheit dann einheimische arme Bevölkerungsgruppen.12

Keine Einsamkeit dank Lonely Planet
Wie geht es weiter? Das Wachstum im Tourismusbereich wird nur selten infrage gestellt. An vielen Orten haben die steigenden Besucherzahlen aber bereits Debatten darüber angestoßen, wie zukünftig mit den negativen Folgen eines zu starken Tourismus umzugehen ist. Absperrungen, Begrenzungen, Gebühren oder veränderte Marketingstrategien sind bislang die häufigsten Lösungsansätze.

Die Autoren der Studie für den Tran-Ausschuss des Europäischen Parlamentes empfehlen, das Wachstumsparadigma neu zu bewerten. Erfolg sollte nicht allein an den Besucherzahlen gemessen werden. Der wirtschaftliche Nutzen für eine Region könnte auch mit weniger Touristen optimiert werden. Zum Beispiel, wenn die Besucher länger bleiben und mehr Ausgaben direkt vor Ort tätigen.13

Obwohl vielerorts mahnend auf den Klimawandel hingewiesen wird, steigt die Zahl der Flug­reisenden und Kreuzfahrttouristen. Reiseveranstalter und Verlage greifen jedoch nur vereinzelt Nachhaltigkeitsstrategien auf. So thematisiert der Reiseführer Lonely Planet momentan umweltfreundliches Reisen und unterstützt laut eigener Website eine positive Wirkung aufs Reiseziel. Alljährlich erstellt die Redaktion Ranglisten aus Reisetrends und Geheimtipps, geordnet nach Land, Stadt und Region. Beworben werden Orte, die noch keiner kennt – in einem Reiseführer, den jeder kennt. Overtourism garantiert.

Dieser Text erschien in der 16. Ausgabe von KATAPULT. Unterstützen Sie unsere Arbeit und abonnieren Sie das gedruckte Magazin für nur 19,90 Euro im Jahr.

ABO-LINK MOBIL




[1] Dignös, Eva: Wo Urlauber gar nicht mehr so erwünscht sind, auf: sueddeutsche.de (20.11.2019).
[2] Welttourismusorganisation (Hg.): International Tourism Highlights. 2019 Edition, Madrid 2019.
[3] Zit. n. McKinsey & Company; World Travel & Tourism Council (Hg.): Coping with success. Managing overcrowding in tourism destinations, London 2017, S. 33.
[4] Internationale Hochschule Bad Honnef (Hg.): Touristik Radar 2019. Overtourism.
[5] Schofields Insurance (Hg.): Two fifths of millennials choose their holiday destination based on how ‘Instagrammable’ the holiday pics will be, auf: schofields.ltd.uk(3.4.2017).
[6] ITB Berlin (Hg.): 25. World Travel Monitor Forum in Pisa: »Overtourism« – Die internationale Reisebranche diskutiert neue Strategien, auf: itb-berlin.com (14.12.2017).
[7] McKinsey & Company/World Travel & Tourism Council 2017, S. 8.
[8] Committee on Transport and Tourism (Tran) (Hg.): Research for TRAN Committee – Overtourism: impact and possible policy responses, Brüssel 2018.
[9] Destinasjon Geirangerfjord (Hg.): Geiranger & Umgebung in Zahlen und Fakten, auf: de.fjordnorway.com.
[10] O.A.: Norwegen macht die Fjorde langsam dicht, auf: faz.net (22.9.2019).
[11] Epler Wood, Megan; Milstein, Mark; Ahamed-­Broadhurs, Kathleen: Destinations at Risk: The Invisible Burden of Tourism, 2019.
[12] Ebd., S. 14.
[13] Tran 2018, S. 107, 111.


21.02.2020

Schreiben Sie einen Kommentar


Vorname: *
Nachname:
E-Mail: *
Ihr Kommentar: *
CAPTCHA


1 - 1

Kommentare


Markus Krause   10:39 Uhr 19.10.2020

Hallo,
Ihr veröffentlicht immer wieder grandiose Karten und Artikel, die gradezu danach schreien geteilt zu werden. Leider bietet ihr aber nur Facebook an.
Erweitert doch mal eure sozialen Netzwerke.

Macht weiter so.



1 - 1
AUTOR/IN

ÄHNLICHE ARTIKEL

  1. Weltwirtschaft China dominiert weltgrößten Freihandelspakt

  2. Corona Die Weltwirtschaft leidet - jedoch nicht überall

  3. Umweltzerstörung Weltweite Umweltkatastrophe

  4. Wirtschaftskrisen Von Finanzkrisen profitieren vor allem rechte Parteien

  5. Editorial Knicker N°8 Kapitalismus ohne Krisen ist eine Illusion



ÄHNLICHE KARTEN















© 2020 Katapult gUG (haftungsbeschränkt)