Panama-Papers
Keine Demo gegen Steuerflucht

Fluchtrouten werden geschlossen, Steueroasen nicht. Es müsste andersherum sein – jedenfalls finanziell und humanistisch betrachtet. Ein Kommentar von BENJAMIN FREDRICH



Was haben Steuerflüchtlinge und Kriegsflüchtlinge gemeinsam? Sie wollen etwas aus ihrem Heimatland entfernen. Vermögen oder sich selbst. Was sie unterscheidet, ist das Motiv: Die einen flüchten aus Gier, die anderen aus Angst.

Vor allem bei politisch Linken setzt jetzt der Reflex ein, die Gier im Allgemeinen und prominente Einzelfälle von Steuerflucht im Detail zu verurteilen. Was hat das bisher gebracht? Nichts.

Vielleicht sind Menschen einfach gierig und handeln dementsprechend, ohne dass wir es immer mitbekommen. Jeder betrügt irgendwann irgendwo. Nur interessiert sich die Öffentlichkeit nicht dafür, wenn der Frisör von nebenan jede vierte Frisur nicht versteuert.

Kein Whistleblower der Welt wird das "geniale" System mancher Frisöre leaken, bei bekannten und verwandten Kunden keine Rechnung zu stellen.

Anderes gilt für die Grenzen der Gesellschaft. Die Öffentlichkeit fokussiert ihren Blick gerne auf die "Superreichen" und die "Superarmen". Denn Extreme sind für die Medien und deren Konsumenten immer interessanter als der Durchschnitt.

Superarme Flüchtlinge tricksen bei Interviews, damit sie ihre Aufnahmechancen erhöhen. Kann man Ihnen das verübeln? Nein.

Superreiche tricksen, indem Sie Offshore-Firmen in Panama gründen lassen, um dadurch weniger Steuern zahlen zu müssen. Kann man Ihnen das Übel nehmen? Nein, jedenfalls nicht, wenn Gier zum Menschsein gehört.

Wer die Steueroasen der Welt schließen will, damit die deutsche Oberschicht ihre Steuern wieder in Deutschland zahlt, sollte konsequenterweise zuerst die Steueroase Deutschland schließen. Für Ausländer sind deutsche Banken nützlich, um steuern zu hinterziehen; natürlich nicht so ideal wie Schweizer Banken, aber immer noch ideal.

Die EU hat durch Steuerhinterziehung einen jährlichen Schaden von geschätzt einer Billion Euro.1 Eine Million Flüchtlinge kosten hingegen etwa 50 Milliarden Euro pro Jahr.2 Die Superreichen schaden der Gesellschaft deutlich mehr, als sie die Superarmen kostet.

Es gibt bisher allerdings kein ernsthaftes politisches Interesse, die durchaus menschliche Gier der Reichen zu dämpfen. Wolfgang Schäuble wurden die "Panama Papers" angeboten, aber er wollte Sie nicht.3

Vielleicht war die Angst zu groß, es könne erneut und in besonderer Schwere die CDU/CSU treffen.4 Was auch so ist, denn der einzige Politiker, der bisher im Leak auftaucht, ist Helmut Linssen von der CDU.

Es wird so bleiben, wie es war. Immer wieder werden Daten geleakt werden und die Täter öffentlich oder rechtlich verurteilt. Steueroasen werden unter Schäuble nicht geschlossen, die Routen der Kriegsflüchtlinge sind es hingegen bereits.



[1] Vgl. URL: http://www.deutschlandfunk.de/konzerne-und-ihre-kreativen-steuertricks.724.de.html?dram:article_id=250482, 11.04.2016.
[2] Vgl. URL: http://www.zeit.de/wirtschaft/2016-02/fluechtlinge-haushalt-kosten-studie-iw, 11.04.2016.
[3] Vgl. URL: http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/steuervermeidung/schaeuble-liess-panama-informanten-abblitzen-14169126.html, 11.04.2016.
[4] Vgl. bspw. URL: http://www.rp-online.de/politik/kohl-soll-cdu-vorsitzenden-zur-aussage-gedraengt-haben-aid-1.2264014, 11.04.2016.



11.04.2016

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