Rauchen und Geschlechterrollen
Die Geografie des Rauchens

Rauchen galt einst als elegant, gesellig und sogar verführerisch. Inzwischen hat der Tabakkonsum an Ansehen eingebüßt und ist vor allem Gegenstand medizinischer Debatten. Weltweit sinkt der Raucheranteil. Allerdings gibt es Ausnahmen, besonders in den Staaten Osteuropas und Afrikas. Die Gründe: unzureichende Präventionspolitik, die Strategien der Tabakindustrie und Geschlechterrollen. Von SEBASTIAN HAUPT

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Diese Zigarette: ein wahrer Genuss, suggeriert die Werbung, ein Hauch von Freiheit. Diese Zigarette: blankes Gift für den Körper, warnt die Medizin. Bereits eine einzige Zigarette erhöht das Schlaganfallrisiko um 25 bis 31 Prozent, berichtete erst in diesem Januar eine englisch-chinesische Forschergruppe.[1]

Die Liste der Maßnahmen gegen das Rauchen in Deutschland ist lang: abschreckende Bilder auf Zigarettenverpackungen, hohe Steuersätze auf Tabakwaren, Rauchverbote in öffentlichen Gebäuden. Statistiken beweisen, dass sie wirken. Der Anteil derer, die täglich rauchen, ist in den vergangenen zwei Jahrzehnten um fast 20 Prozentpunkte gesunken. Insbesondere unter Jugendlichen hat der Tabakkonsum stark an Bedeutung verloren.[2]



Damit folgt die Bundesrepublik einem globalen Trend. Allerdings gibt es auch gegenteilige Entwicklungen: Während der Raucheranteil in den meisten Ländern abgenommen hat, stieg weltweit die Gesamtzahl der Nikotinabhängigen in den vergangenen Jahrzehnten an. Das ist zum einen dem Bevölkerungswachstum geschuldet. Zum anderen steigt die Prävalenz, also der Anteil von Personen, die mindestens einmal täglich Tabakwaren konsumieren, vor allem in bevölkerungsreichen Ländern Afrikas, Osteuropas und Asiens. Das betrifft zumeist Männer, mit einigen Ausnahmen: In Russland, Kroatien und Litauen sind es Frauen, die verstärkt rauchen.

Rauchen als Emanzipation
Drogenkonsum markierte den Ursprung menschlicher Zivilisation. Was abenteuerlich klingt, vermuten Archäologen tatsächlich. Neuen Erkenntnissen zufolge boten Feste den Anreiz, sesshaft zu werden. Wahrscheinlich brauten die steinzeitlichen Menschen dabei Bier.[3] Auch im 20. Jahrhundert zeigte Drogenkonsum einen zivilisatorischen Fortschritt an, selbst wenn er nicht dessen Ursache, sondern Begleiterscheinung war. Im Zuge der Emanzipation der Frau nahm in westlichen Gesellschaften der Tabakkonsum der weiblichen Bevölkerung zu. Die rauchende Marlene Dietrich in den USA, Brigitte Bardot in Frankreich: Sie wurden zu Sinnbildern einer Frau, die mit den traditionellen Rollen in männerdominierten Gesellschaften brach.



Der Zusammenhang zwischen Emanzipation und dem Griff zur Zigarette ist wissenschaftlich dokumentiert. Länder mit stärkerer Gleichstellung weisen meist auch höhere Raucherinnenquoten auf als Staaten, in denen eine traditionell-patriarchalische Kultur dominiert.[4] Relevant ist dabei nicht nur die rechtliche Dimension, sondern vor allem kulturell geprägte Vorstellungen von Männlichkeit und Weiblichkeit.

Die großen Unterschiede verdeutlicht ein Blick auf die Weltkarte. In Asien und dem Nahen Osten sind Prävalenzraten von über 40 oder 50 Prozent keine Seltenheit – unter Männern. Bei Frauen übersteigen sie selten vier Prozent. In Indonesien greifen beispielsweise 76,2 Prozent der Männer zur Zigarette, aber nur 3,6 Prozent der Frauen. In Deutschland hingegen hat sich das Verhältnis fast angeglichen: 2015 betrug die Prävalenzrate 32,4 Prozent bei der männlichen und 28,3 bei der weiblichen Bevölkerung über 15 Jahren.[5]

Rauchen gegen Stress und Fett
Aber ist Tabakkonsum ein eindeutiger Indikator für wachsende Gleichheit zwischen Mann und Frau? Nein. Die Zusammenhänge sind komplexer. Junge Frauen in urbanisierten Zentren gehören zwar meist zu den ersten Konsumenten, wenn sich der Zigarettenkonsum ausbreitet. Sie verbinden damit durchaus emanzipatorische Ideale. Erreicht das Rauchen jedoch eine breitere Masse, verändert sich das Muster. Das zeigen die Erfahrungen in Industriestaaten. Hier konzentriert sich hoher Tabakkonsum inzwischen besonders in einkommensschwachen Milieus. Geringerer ökonomischer Status, Arbeitslosigkeit und eine niedrigere formale Bildung erhöhen die Wahrscheinlichkeit, abhängig zu werden.[6]

Für die Transformationsgesellschaften des ehemaligen Ostblocks lassen sich ähnliche Entwicklungen beobachten. Das zeigt beispielsweise eine Forschergruppe der Universität Tartu in Estland, die das Rauchverhalten der estnischen Bevölkerung in einer Langzeitstudie untersucht hat. Für den Zeitraum von 1990 bis 2010 wertete sie die Angaben von über 18.000 Befragten aus. Während zu Beginn vor allem sozioökonomisch Bessergestellte rauchten, änderte sich das Bild in den Folgejahren. Je mehr sich der Tabakkonsum ausbreitete, desto stärker waren schließlich Personen niedrigerer Bildungsschichten davon betroffen.[7] Für Personen, die nur ausnahmsweise oder in geselliger Runde rauchen, gilt dieser Zusammenhang nicht.[8]

Auch die Gründe, mit dem Rauchen anzufangen, klingen nicht sonderlich emanzipatorisch. In zahlreichen Umfragen dominieren neben Gruppendynamiken unter Jugendlichen vor allem die Ziele Gewichtsreduktion und Stressabbau.[9] Studien aus Asien kommen zu vergleichbaren Ergebnissen, etwa für Taiwan und China. Starke Unterschiede zeigen sich jedoch beim Einstiegsalter. In Westeuropa beträgt es im Durchschnitt 15 Jahre, in Asien hingegen 19 bis 21.[10] Als wesentlicher Faktor gilt der Einfluss der Familie, der in Asien oft stärker und zudem enger an Normen gebunden ist, nach denen das Rauchen als negativ betrachtet wird.

Jeder Zehnte stirbt durchs Rauchen
Wie verschieden das Rauchverhalten zwischen den Geschlechtern ist, betonen auch Untersuchungen zur Suchtbekämpfung. In einer vergleichenden Auswertung zahlreicher Studien zur Rauchentwöhnung kommen US-Forscherinnen der Universitäten von Minnesota und Connecticut zu dem Schluss, dass Männer und Frauen auf bestimmte Präventionsmaßnahmen generell unterschiedlich stark reagieren. So sollen Aufklärungskampagnen, die für gesundheitliche Gefahren sensibilisieren, bei Frauen eher wirken als bei Männern. Umgekehrt ist der Trend bei steigenden Kosten für Tabakwaren, die insbesondere männliche Jugendliche dazu bringen, auf das Rauchen zu verzichten.[11]

Dass die geschlechterabhängige Betrachtung für Antiraucherkampagnen notwendig ist, zeigt sich daran, dass in den vergangenen Jahren bei der Bekämpfung der Raucherprävalenz größere Fortschritte bei Männern als bei Frauen erzielt wurden. Das liegt nicht nur an der größeren Anzahl männlicher Raucher, sondern auch daran, dass Geschlechterunterschiede beim Rauchverhalten erst seit etwa einem Jahrzehnt verstärkt diskutiert werden.[12]

Für größere Sensibilität hat insbesondere die Weltgesundheitsorganisation (WHO) gesorgt, die mit Kampagnen und Politikberatung für eine striktere Kontrollpolitik eintritt. Schließlich gelten raucherbedingte Krankheiten als häufigste vermeidbare Todesursache weltweit. Für jeden zehnten Todesfall macht der Epidemiologe John Britton von der Universität Nottingham das Rauchen verantwortlich.[13]

Im Fokus der WHO stehen weniger die Industrieländer, obwohl dort der Konsum durchschnittlich noch immer höher ist. Ihre Bemühungen zielen vor allem auf die Entwicklungsländer. Sie will verhindern, dass diese einen ähnlichen Weg wie die Industriestaaten einschlagen. Die Vermeidung einer »Tabakepidemie«, wie das Anwachsen der Raucherprävalenz in offiziellen Dokumenten genannt wird, genießt hohe Priorität. Dafür gibt es gute Gründe, denn die Ausweitung des Tabakkonsums hat gerade in ärmeren Ländern gravierende Folgen.

Die medizinischen Behandlungsmöglichkeiten raucherbedingter Gesundheitsprobleme sind in den schwach ausgeprägten Gesundheitssystemen kaum oder gar nicht vorhanden. Zudem können durch chronische Krankheiten entstehende Arbeitsausfälle nicht kompensiert werden. Die volkswirtschaftlichen Kosten für den Tabakkonsum dürften die meisten afrikanischen, aber auch asiatischen Staatshaushalte überfordern.

Neue Märkte: Tabakkonzerne setzen afrikanische Staaten unter Druck
Die Bemühungen der WHO treffen allerdings auf einen starken Gegenspieler. Die Tabakindustrie hat nach dem asiatischen nun auch den afrikanischen Markt für sich entdeckt – nicht zuletzt, um die sinkenden Gewinne in Europa zu kompensieren.[14] Der Kontinent lockt mit glänzenden Zukunftsperspektiven. Vergleichsweise niedrige Raucherquoten und eine rasant wachsende Bevölkerung versprechen einen riesigen Absatzmarkt, der den europäischen um ein Vielfaches übersteigt. Administrative und finanzielle Kapazitäten, um wirksame Präventionskampagnen und Gesetze gegen Tabakkonsum zu forcieren, fehlen den meisten Staaten.[15]

Zwar haben zahlreiche Regierungen des Kontinents Maßnahmen auf den Weg gebracht. Wie der Heidelberger Epidemiologe Volker Winkler und sein Team anhand von 13 westafrikanischen Staaten analysiert haben, fallen diese jedoch wenig ambitioniert aus. Erfolgversprechende Optionen wie die Erhöhung von Tabakpreisen oder Entwöhnungsprogramme werden nur selten genutzt, vorhandene Maßnahmen wie Gesundheitswarnungen oder Rauchverbote nur sporadisch umgesetzt.[16] Gleichzeitig greifen die Tabakkonzerne zu drastischen Mitteln, um sich die Politik gefügig zu machen. Im Jahr 2017 wurden zahlreiche Einschüchterungsversuche von Konzernen gegen afrikanische Regierungen bekannt, etwa gegen Togo und Kenia. Die Konzerne drohten beispielsweise mit teuren Klagen, sollten Anti-Raucher-Gesetze umgesetzt oder Werbemöglichkeiten für Tabakkonsum eingeschränkt werden.[17]

Außerdem setzen die Unternehmen auf neue Kundenstrategien. Sie unterstützen soziale Einrichtungen in den Gemeinden der Entwicklungsländer und geben große Summen für Werbekampagnen aus. Selbst wenn die weiblichen Prävalenzraten noch recht niedrig sind: Frauen sind dabei eine entscheidende Zielgruppe geworden. Und die Konzerne haben eine Story, die sich in kraftvolle Bilder umsetzen lässt: die der unabhängigen, modernen und glamourösen Frau – das geht nur mit Zigarette. Stressresistent und mit Kontrolle über den eigenen Körper, selbstbewusst. Indem sie an Frauenrechts- und Gleichstellungsforderungen anschließen, präsentieren sich die Tabakfirmen als progressive Akteure. Mit »Slimzigaretten« und aromatischen Geschmacksrichtungen haben sie bereits passende Produkte entwickelt, die diesem Bild entsprechen.[18]

Diese Strategie funktioniert. Es ist kein Zufall, dass die Öffnung der Tabakmärkte für Importe aus dem Ausland in asiatischen Staaten vor allem für einen Anstieg der weiblichen Raucherquoten gesorgt hat.[19] Der Tabakindustrie kommt zugute, dass es in Entwicklungs- und Schwellenländern nur wenig Sensibilität für die Gefahren des Rauchens gibt. Für geschlechtsspezifische Probleme, wie etwa das Rauchen während der Schwangerschaft oder noch höhere Krebsrisiken als bei Männern, gilt das umso mehr.[20]

Auf eine weitere Zielgruppe haben sich Konzerne und lokale Händler in den Entwicklungsländern ebenfalls eingestellt: Jugendliche. Um diese möglichst früh zu Kunden zu machen, verschenken sie Tabakwaren an Schulen und bieten Zigaretten auch im Einzelverkauf an. Das erleichtert jungen Menschen, die sich eine ganze Packung nicht leisten können, mit dem Rauchen anzufangen.[21]

Dieser Text erschien in der zehnten Ausgabe von KATAPULT. Unterstützen Sie unsere Arbeit und abonnieren Sie das gedruckte Magazin für nur 19,90 Euro im Jahr.

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[1] Vgl. Hackshaw, Allan u.a.: Low cigarette consumption and risk of coronary heart disease and stroke: meta-analysis of 141 cohort studies in 55 study reports, in: The BMJ (24.1.2018).
[2] Vgl. World Health Organization: Prevalence of Tobacco Smoking, auf: who.int.
[3]  So argumentiert Jens Notroff in dieser Ausgabe des Katapult-Magazins.
[4] Vgl. Hitchman, Sara; Fong, Geoffrey: Gender empowerment and female-to-male smoking prevalence ratios, in: Bulletin of the World Health Organization, (89)2011, H. 3, S. 195-202.
[5] Vgl. World Health Organization: Prevalence of Tobacco Smoking, auf: who.int.
[6] Vgl. Allen, Alicia; Oncken, Cheryl; Hatsukami, Dorothy: Women and Smoking: The Effect of Gender on the Epidemiology, Health Effects, and Cessation of Smoking, in: Current Addiction Reports, (1)2014, H. 1, S. 53-60.
[7] Vgl. Pärna, Kersti u.a.: Educational differences in cigarette smoking among adult population in Estonia, 1990-2010: does the trend fit the model of tobacco epidemic?, in: BMC Public Health, (14)2014.- Das gilt auch für Russland: Quirmbach, Diana; Gerry, Christopher: Gender, education and Russia's tobacco epidemic: A life-course approach, in: Social Science & Medicine, 2016, 160, S. 54-66.
[8] Vgl. bspw. Allen, Alicia u.a.: Gender Differences in Smoking Behavior and Dependence Motives Among Daily and Nondaily Smokers, in: Nicotine & Tobacco Research, (18)2016, H. 6, S. 1408-1413.
[9] Vgl. ebd. 
[10] Vgl. Tsai, Yi-Wen u.a.: Gender Differences in Smoking Behaviors in an Asian Population, in: Journal of Women's Health, 2008, H. 6, S. 971-978; William Li, Ho Cheung u.a.: An evaluation study of a gender-specific smoking cessation program to help Hong Kong Chinese women quit smoking, in: BMC Public Health, (15)2015.
[11] Vgl. Allen u.a. 2014.
[12] Vgl. ebd.
[13] Vgl. Britton, John: Death, disease, and tobacco, in: The Lancet, 2017, Vol. 389, S. 1861-1862.
[14] Vgl. World Health Organization (Hg.): Gender, women, and the tobacco epidemic, Manila 2010.
[15] Vgl. Anderson, Carrie L.; Becher, Heiko; Winkler, Volker: Tobacco Control Progress in Low and Middle Income Countries in Comparison to High Income Countries, in: International Journal on Environmental Research Public Health, (13)2016, H. 10.
[16] Becher, Heiko;  Lan, Yong; Winkler, Volker: Tobacco prevention policies in west-African countries and their effects on smoking prevalence, in: BMC Public Health, (15)2015.
[17] Boseley, Sarah: Threats, bullying, lawsuits. Tobacco industry's dirty war for the African market, auf: theguardian.com (12.7.2017).
[18] Vgl. World Health Organization 2010.
[19] Vgl. Tsai 2008.
[20] Vgl. Becher/Lan/Winkler 2015.
[21] Vgl. Boseley 2017; Allen u.a. 2014.


01.10.2018

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