Editorial von KATAPULT 17
0 bis 30 Prozent

Deutsche Medien drucken zu 0 bis 30 Prozent auf Recyclingpapier. Gut, wa? Von BENJAMIN FREDRICH



Der Focus schreibt mir ne Mail. Er ist mit unserer Berichterstattung nicht so zufrieden. Noch ne Mail. Diesmal vom Spiegel. Er ist mit unserer Berichterstattung nicht so zufrieden. Springer ruft an, auch nicht so zufrieden. Die taz schreibt über Twitter, Unzufriedenheit. Aber: Alle sind freundlich. Worum geht’s eigentlich?

KATAPULT veröffentlichte in der letzten Ausgabe, welche großen Magazine und Verlage auf Recyclingpapier drucken und welche Klimaneutralitätszertifikate kaufen. Das Ergebnis: Die vier genannten Verlage machen wenig bis nichts. Viele andere versagen ebenfalls. Das ist faktisch auch alles korrekt so. Woran sich die Medienhäuser aber stören, ist die grundlegende Stimmung unserer Darstellung. Denn sie würden sich durchaus für das Thema interessieren, so ihre Kritik. Das hätten wir im Artikel vermerken müssen, meinen sie.

Sehr gut, Leute, das ist besser als nichts. Wenn ich es aber genau nehme, ist es eigentlich doch wieder nichts, oder? Also im Sinne von überhaupt nichts. Interesse am Umweltschutz ohne Umsetzung von Umweltschutz schützt die Umwelt zu 0,0 Prozent. Der Focus schreibt, es gebe Überlegungen, den Ökostromanteil auf 100 Prozent anzuheben. Danach hatten wir zwar gar nicht gefragt, aber ÜBERLEGUNGEN? Das Papier bestehe außerdem zu 0 bis 30 Prozent aus Recyclingpapier. Gut, wa? Habe direkt neuen Mitarbeiterwitz ausprobiert und angekündigt, dass ich das nächste Gehalt zu 0 bis 30 Prozent überweise. Ich fand’s witzig, die anderen zu 0 bis 3 Prozent. Schade!

Die Verlagsmitarbeiter, die sich bei mir gemeldet haben, wirkten aufrichtig, und ich glaube auch, dass die Vorhaben ernst gemeint sind. Beim Spiegel wurden sogar die ersten kleinen Magazine auf Recyclingpapier umgestellt. Der große Spiegel soll ab Ende 2020 folgen. Was ich aber denke: Kein Verlag ist so volle Sau dabei, sein Unternehmen ökologisch umzustellen. Die meisten machen das Nötigste, um bei unangenehmen Fragen antworten zu können, hier und da gibt es eine radikale, alle Probleme lösende »Überlegung«.

Das reicht nicht. Weder für die Umwelt, noch für die Leser dieser Magazine. Denn diese interessieren sich nicht nur für Inhalte, sondern auch für das Unternehmen hinter dem Inhalt. Da bin ich mir zu 0 bis 100 Prozent sicher.

Ich formuliere diesen Text hier extra zart, weil ich eigentlich niemanden bei seinen »Überlegungen« verschrecken will. Aber, liebe Verlage, ihr könnt jetzt etwas schneller in die Gänge kommen. Ihr habt Hunderte starke Artikel aus dem eigenen Haus darüber, wie man den Klimawandel bremsen könnte, lest sie und setzt die Scheiße einfach um!

Das hier ist die 17. KATAPULT-Ausgabe. Die erste, die auf Recyclingpapier gedruckt wurde. Wie fühlt sich das so an? Ganz genau. Fühlt sich an, als wären wir 16 Ausgaben zu spät! Mein Fehler. Falls Ihnen das Papier nicht hell genug ist, denn das ist die große Sorge der Verlagsbranche, ändern Sie einfach Ihre Meinung! Nur n Tipp von mir.

Warum wir das Heft nun so drucken und einen Wald pflanzen, steht in der vorigen Ausgabe. Wie ist der Stand? Wir pflanzen den großen KATAPULT-Wald noch in diesem Jahr. Bisher gibt es drei Möglichkeiten. Erstens, mit der Uni Greifswald kooperieren, sie hat viel Land! Zweitens, mit der Stadt Greifswald kooperieren, sie hat viel Land! Was will man mehr? Drittens, wir haben ein privates Grundstück im Auge. Einen schönen Acker. Preis ist gut. Wir werden alle drei Möglichkeiten wahrnehmen!

Zwischendurch wollten wir schon direkt loslegen, auf einem Grundstück in Wusterhusen bei Greifswald. Alles war startklar. Aber auf diesem Stück Land hatte sich bereits ein kleines Gewässer gebildet. Gräser, junge Bäume, Kröten und Frösche haben sich das Land dort bereits selbst zurückerobert und dabei wollen wir nicht stören, nur um einen selbstgepflanzten Wald vorzeigen zu können. Ich schreib das extra auf, weil diese Art des Scheiterns (das eigentlich keins ist!) zum Naturschutz gehört. Wir brauchen kein Biotop zu zerstören, um ein neues aufzubauen!

100.000 Euro hat KATAPULT für den Wald eingeplant. Jetzt kommt’s aber erst: Ihr (KATAPULT-Leser) habt bisher 602 Bäume (19.866 Euro) zusätzlich gespendet. Wir stehen also bei 119.866 Euro. (Update Stand 16. Juni 2020: Ihr habt 817 Bäume gespendet. Das sind 26.961 Euro.) Wahnsinn! Hab ich mir genau so gedacht. Aber dass ihr das auch einfach so macht, ist doll! Jeder Spender muss natürlich größtmöglich geehrt werden. Auf der nächsten Seite findet ihr den Forest of Fame mit allen Spendernamen! Ich lese mir einmal pro Woche jeden einzelnen laut vor und merke mir bald alle!

Dieser Text erschien in der 17. Ausgabe von KATAPULT. Unterstützen Sie unsere Arbeit und abonnieren Sie das gedruckte Magazin für nur 19,90 Euro im Jahr.


16.06.2020

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