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Um einen jährlichen Meeresspiegelanstieg von drei Millimetern auszugleichen, müsste jeder Mensch den Meeren ein Glas Wasser pro Minute entnehmen. Aber bereits seit 1993 liegt der durchschnittliche Anstieg bei über drei Millimetern pro Jahr. Und der Meeresspiegel wird in den kommenden Jahren noch stärker ansteigen – und damit ein zunehmendes Problem für niedrig gelegene Küstengebiete, also Regionen knapp ober- oder unterhalb des Meeresspiegels. Das betrifft vor allem Menschen, die bis zu 50 Kilometer im Landesinneren leben. In Europa sind das 200 Millionen – also über ein Viertel der europäischen Bevölkerung. Die Mehrheit dieser Menschen lebt in den Niederlanden, Deutschland, Großbritannien, Italien, Spanien und Russland. Ihnen drohen bei einem hohen Anstieg drastisch veränderte Lebensumstände. 

Während sich 2008 nur wenige Länder in Europa um Küstenschutzmaßnahmen bemühten, hat sich dies mittlerweile geändert. Einem OECD-Bericht zufolge entwickeln die meisten europäischen Länder ihre Maßnahmen weiter – allerdings nicht überall mit der gleichen Dringlichkeit: Drei Viertel der 32 untersuchten europäischen Küstenländer sorgen den Forschenden zufolge konkret und offiziell für den Meeresspiegelanstieg vor. Sie haben auf nationaler oder untergeordneter Ebene Pläne, um auf Veränderungen zu reagieren, und führen Schutzmaßnahmen durch. Einige Staaten betreiben eine vergleichsweise engagierte Vorsorge, andere befassen sich mit dem Meeresspiegelanstieg immerhin durch entsprechende Planungsleitlinien, Gesetze oder Strategien, wie ein Hochwasserrisikomanagement. 

Für jedes Land befragten die Forschenden online mindestens eine Person, etwa aus der Wissenschaft, der Politik oder Nichtregierungsorganisationen. Es ging darum, welche Zukunftsszenarien die Länder anwenden, an welchen Leitlinien die Schutzmaßnahmen ausgerichtet sind, auf welcher Regierungsebene sie geplant werden und für welchen Zeithorizont sowie welchen Meeresspiegelanstieg sie ausgelegt sind.

Besonders auffällig ist, dass sich die konkret eingeplante Höhe des Anstiegs je nach Land unterscheidet. Nur wenige Länder gehen von einem Meeresspiegelanstieg aus, der bis zum Jahr 2100 höher als ein Meter ist. Dazu gehören etwa Belgien, Deutschland, die Niederlande und das Vereinigte Königreich. All diese Staaten haben im europäischen Vergleich einen hohen Bevölkerungsanteil in niedrig liegenden Küstengebieten. Belgien ist dabei mit einem erwarteten Anstieg von drei Metern in seinem Szenario für das Jahr 2100 ganz weit vorn. Bei Frankreich, Italien und Spanien ist es genau andersherum. In diesen Ländern leben zwar auch viele Menschen in niedrig liegenden Küstengebieten – aber die Länder planen mit einem relativ niedrigen Schutzniveau. Grundsätzlich rechnen die meisten Länder mit einem halben bis einem Meter für 2100. Etwa ein Viertel der untersuchten Staaten nimmt gar keine Planungen für den Meeresspiegelanstieg vor, obwohl die Regierungen von Folgenabschätzungen und Studien zum Thema wissen. Dazu gehören Lettland – ein Land, das sich an der voraussichtlich stark betroffenen Ostseeküste befindet – sowie einige Staaten an der Adria.

Eine fehlende Planung kann vor allem für im Hochwasserschutz weniger erfahrene Länder problematisch werden. Wenn sich der Meeresspiegelanstieg durch das Schmelzen des antarktischen Eises weiter beschleunigt, kann das gerade für Länder, die nicht jetzt schon vorsorgen, gefährlich sein. Einige Länder bereiten sich genau darauf vor: Sie gehen auf Grundlage neuer Studien zusätzlich von einem noch deutlich höheren Meeresspiegelanstieg aus. Umso wichtiger sei eine stärkere europäische und weltweite Koordinierung der Maßnahmen. Denn Staaten mit langjähriger Erfahrung wie die Niederlande haben deutliche Vorteile: Sie kennen sich mit Technologien aus und verfügen bereits über eine entsprechende Infrastruktur und national verankerte Planung. Davon könnten andere Länder profitieren.

Fairbourne säuft ab

Anders ist es im Vereinigten Königreich, das weniger erfahren im Küstenschutz ist. Die beiden letzten großen Überschwemmungen traten 1928 in London und 1953 an der Ostküste und der Themsemündung auf. Das Gebiet von der Themsemündung bis ins Zentrum Londons liegt nur knapp über dem Meeresspiegel und ist daher besonders gefährdet. Zwar soll ein riesiges Sperrwerk die Stadt gegen Hochwasser abriegeln. Doch auch hier sind Anpassungen erforderlich, weil das Niveau der Gezeiten wechselhaft ist – und letztlich die gesamte umliegende Region vom Meeresspiegelanstieg betroffen sein wird. 

Die britischen Schutzmaßnahmen unterscheiden sich dabei von den deutschen. Zwar wollen beide so viel Land wie möglich vor dem ansteigenden Pegel schützen, das Vereinigte Königreich allerdings nicht um jeden Preis. Das kleine walisische Dorf Fairbourne an der Westküste der Insel beispielsweise wurde zu Beginn des 20. Jahrhunderts als Badeort ausgebaut. Es liegt nur knapp über dem Meeresspiegel und wird infolge des Klimawandels überflutet werden. Küstenschutzmaßnahmen wären zu teuer. Deshalb ist es der erste Ort Großbritanniens, den die ansässige Kommunalregierung aufgibt. Ab 2045 will sie damit beginnen, das Dorf umzusiedeln. Voraussichtlich erhalten die Einwohner*innen Fairbournes keine Entschädigung für den Verlust ihrer Häuser. Zudem sind die Umsiedlungspläne unklar.

Nur vor Ort reicht nicht

Fairbourne wird nicht das letzte Dorf sein, das absäuft und umgesiedelt werden muss. Es gibt allein in Wales ungefähr 50 Ortschaften, die vom Meeresspiegelanstieg existenziell bedroht sind. Aber auch andere Teile der Insel sind gefährdet. Der Klimawandel bedroht zudem auch Siedlungen an Steilküsten. So stehen mehrere Gemeinden an der Ostküste Englands vor der Frage, wie sie mit den abbrechenden Hängen umgehen sollen. Der höhere Meeresspiegel lässt Wellen künftig mit mehr Wucht auf die Felsküste treffen. Das führt zu Kerben und Rissen im Gestein. Sie bröckeln Stück für Stück ab. Also lieber umsiedeln oder mit sehr hohem finanziellen und technologischen Aufwand dagegen ankämpfen? Eine einheitliche Antwort darauf gibt es im Vereinigten Königreich nicht.

Küstenschutz wird in Großbritannien zunehmend dezentral organisiert. Die nationalen Behörden haben sich mancherorts aus der Vorsorge für den Fall des Meeresspiegelanstiegs zurückgezogen, weil Gelder gekürzt wurden. Die Folge: Städte und Gemeinden sollen sich jetzt dieser Aufgabe vor Ort annehmen. An den Mündungen der Flüsse Alde und Ore an der englischen Ostküste, einem der gefährdetsten Landstriche der Insel, hat sich eine Initiative zum Küstenschutz gegründet. Doch wie eine Studie zeigt, ist die Aufgabe für lokale Initiativen wie diese zu groß: Küstenschutz ist enorm teuer und erfordert komplexe Verhandlungen mit zahlreichen Akteuren. Erfolgreicher Schutz der gefährdeten Küstengebiete könne dieser Studie zufolge nur mit Beteiligung staatlicher Akteure funktionieren, die die lokalen Initiativen koordinieren und auf nationaler oder internationaler Ebene verknüpfen.

Seegras gegen Wellengang

Auf europäischer Ebene tauschen sich Küstenschutzbehörden der Nordseeanrainer miteinander aus – sie sind schließlich mit ähnlichen Problemen konfrontiert. Im zur Hälfte von der EU geförderten Projekt »Building with Nature« etwa geht es um Methoden jenseits von Dämmen und Deichen, um die Nordseeküsten für den Klimawandel zu wappnen. Die Maßnahmen sollen dabei an die lokalen Naturräume angepasst werden, anstatt diese zu beeinträchtigen. So können einige Küsten durch Sandvorspülungen oder Pflanzen geschützt werden – etwa durch Seegräser, die den Wellengang abmildern. In diesem Projekt findet also ein Austausch zwischen den Behörden der Länder, aber auch mit Forschenden und NGOs statt.

Doch könnte Großbritannien etwa den deutschen oder niederländischen Küstenschutz kopieren? Nein. Zwar können die Länder voneinander lernen und sich gegenseitig mit wissenschaftlichem und technischem Wissen unterstützen. Eine Standardlösung für alle europäischen Staaten gibt es aber nicht. Einerseits muss sich jede Küste eigenen Herausforderungen stellen, je nach Vegetation, Geografie, Wetterbedingungen und Besiedlung. Andererseits unterscheiden sich kommunale Behörden und örtliche Gesetzeslagen. Und nicht alle Länder Europas wollen alle Gebiete schützen, denn: Küstenschutz kostet viel Geld.

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Fußnoten

  1. BRF Nachrichten (Hg.): Anstieg des Meeresspiegels bedroht auch Belgien, auf: brf.be (16.2.2018).
  2. Lindsey, Rebecca: Climate Change: Global Sea Level, auf: climate.gov (25.1.2021).
  3. McEvoy, Sadie u. a.: How are European countries planning for sea level rise?, in: Ocean and Coastal Management (203)2021, S. 1.
  4. Tol, Richard u. a.: Towards Successful Adaptation to Sea-Level Rise along Europe’s Coasts, in: Journal of Coastal Research (24)2008, Nr. 2.
  5. OECD (Hg.): Responding to Rising Seas: OECD Country Approaches to Tackling Coastal Risk, OECD Publishing, Paris, 2019.
  6. McEvoy u. a. 2021, S. 3-4.
  7. McEvoy u. a. 2021, S. 4, 8.
  8. McEvoy u. a. 2021, S. 6 (Grafik).
  9. McEvoy u. a. 2021, S. 8-9.
  10. Schlappkohl, Sandra; Siemer, Maja: Küsten im Wandel: Großbritannien, auf: ikzm-d.de (Juni 2007).
  11. Jeske, Ann-Kathrin: Wo der Klimawandel die Menschen vertreibt, auf: deutschlandfunk.de (5.12.2019).
  12. Wall, Tom: ›This is a wake-up call‹: the villagers who could be Britain’s first climate refugees, auf: theguardian.com (18.5.2019).
  13. Treblin, Johanna: Das Dorf der Verlorenen, auf: nd-aktuell.de (9.8.2019).
  14. Vaughan, Adam: Communities in East Anglia are deciding whether to abandon their towns, auf: newscientist.com (28.8.2019).
  15. Phys.org (Hg.): Why Britain's coastline is crumbling, auf: phys.org (1.12.2017).
  16. McGinlay u. a.: Retreating coastline, retreating government? Managing sea level rise in an age of austerity. in: Ocean and Coastal Management (204)2021, S. 5.
  17. McGinlay u. a. 2021, S. 4-5, 9.
  18. Interreg North Sea Region (Hg.): About Building with Nature, auf: building-with-nature.eu (ohne Datum).

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