Kreativitätsforschung
Zufriedenheit stört Kreativität

Viele Ratgeber und Wissenschaftler nahmen bisher an, dass ein positives Leben die Kreativität eines Menschen fördert. Eine neue Studie beweist jetzt das Gegenteil. Von BENJAMIN FREDRICH



Die Wissenschaftler Anna Jordanous von der University of Kent und Bill Keller von der University of Sussex in England erklären, warum uns Fröhlichkeit die Kreativität raubt.1 Sie haben verschiedenste Kreativitäts-Studien der letzten 50 Jahre ausgewertet. Ihr Ergebnis ist erstaunlich: Unter 14 Bestandteilen, die die Kreativität fördern, sind "Fröhlichkeit" und "positives Leben" nicht dabei.

Kreativitätsfördernd wirken stattdessen Unsicherheit, Ungewissheit, ein hoher Intellekt, Unabhängigkeit, Freiheit, Interaktion und auch Streit im Sinne von Meinungsaustausch sehr unterschiedlicher Meinungen. Die von Jordanous und Keller erstellten Kriterien haben keine Rangfolge oder einen genauen Wirkungsmechanismus. Dafür ist die Kreativität zu komplex. Allerdings hat jedes Kriterium einzeln betrachtet einen beweisbar positiven Einfluss auf die Kreativität.

Andere Wissenschaftler wie Mark Davis von der Universität North Texas behaupten, dass positive Stimmung zwar in der ersten Phase der Kreativität (first brainstorming) hilfreich sein kann, jedoch die zweite Phase der Problemlösung durch positive Stimmungen eher gestört wird. Hier müssten nämlich Kritik und Hindernisse überwunden werden, die grundsätzlich negative Stimmung erzeugen. Wer dabei jedoch positiv eingestellt bleibt, kommt seltener auf neue, kreative Ideen.

Jennifer George von der Rice University in Houston fand heraus, dass uns herausfordernde und anstrengende Aufgaben nicht unbedingt froh machen, aber kreativ werden lassen. Denn: Schlechte Laune spiegelt Probleme wider, die gelöst werden müssen. Sie befragte 160 Arbeitnehmer nach ihrer Stimmung während der Arbeit und ließ anschließend die Kreativität genau dieser Mitarbeiter durch deren Chefs einschätzen.

Ergebnis: Die Kreativsten waren diejenigen, die starke Gefühlsschwankungen aufwiesen. Gleichzeitig hatten die Kreativsten eine positive Einstellung zu ihrem Chef. Mittelmäßig kreativ waren Mitarbeiter, die zwar ihren Chef mögen, aber kaum Stimmungsschwankungen hatten. Vollkommen unkreativ sind der Studie nach Mitarbeiter, die zu starken Stimmungsschwankungen tendieren und gleichzeitig ihren Chef nicht schätzen.

Dieser Beitrag erschien in der vierten Ausgabe von KATAPULT. Abonnieren Sie das gedruckte Magazin und unterstützen damit unsere Arbeit.



[1] Vgl. Jordanous, Anna; Keller, Bill: Modelling Creativity: Identifying Key Components through a Corpus-Based Approach, auf: plos.org (5.10.2016), URL: journals.plos.org/plosone/article?id=10.1371/journal.pone.0162959.


06.04.2017

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Kommentare


Otto Klein   18:38 Uhr 26.04.2017

Man könnte den Begriff Zufriedenheit ersetzen durch den Begriff Bequemlichkeit und würde vermutlich den selben Zusammenhang
vorfinden. In einem gesellschaftlichen Raum in dem die Bequemlichkeit zunimmt, nimmt die
Qualität und Quantität der kognitiven Erfahrungen ab. Die Summe der realen Erfahrungen und die Fähigkeit diese Erfahrungen miteinander zu verzahnen ist ein Nährboden für substanzielle Kreativität.



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