Studie
Weniger Krieg zwischen Freunden von Freunden

Der Freund meines Freundes ist selten mein Feind. So verhält es sich auch bei Staaten, wie eine Studie der Ohio State University ergab. Von JANINA DREWANZ




Studie: "A three-degree horizon of peace in the military alliance network" von Weihua Li, Aisha E. Bradshaw, Caitlin B. Clary und Skyler J. Cranmer (März 2017)1

Kurz: Die Studie zeigt, dass das Konfliktpotential zwischen Staaten, die indirekt miteinander in Beziehung stehen, geringer ist als zwischen Staaten, die nur entfernt miteinander verbunden sind.

Der Freund meines Freundes ist selten mein Feind. So verhält es sich auch bei Staaten, wie eine Studie der Ohio State University ergab. Demnach verringert eine solche Konstellation das Konfliktpotential zwischen Staaten. Diese indirekte Verbindung hat sogar eine überraschend starke Wirkung.

Dabei gelten zwei Staaten immer dann als Freunde von Freunden, wenn beide in Verbindung zu einem Land stehen, das sich mit dem jeweils anderen in einer militärischen Allianz befindet. Damit erhalten derartige Abkommen eine bisher unerkannte friedensstiftende Bedeutung innerhalb der internationalen Beziehungen.

Für die Studie wurden alle schweren militärischen Konflikte zwischen 1965 und 2000 untersucht



Für die Studie wurden alle schweren militärischen Konflikte zwischen 1965 und 2000 untersucht. Dazu wurden alle Kriege gezählt, in denen ein Land sich bewusst für militärische Gewalt gegen eine andere Nation entschied. Die Wissenschaftler konzentrierten sich auf Konflikte zwischen Nachbarstaaten, da nur sehr wenige Nationen die Möglichkeit haben, einen Krieg weit über ihre Grenzen hinaus zu führen.

Bisher gab es lediglich eine Vielzahl an Studien, die zu dem Ergebnis kamen, dass es zwischen Staaten in gemeinsamen Militärbündnissen weniger Kriege gebe. Die Studie aus Ohio ist jedoch die erste, die zeigt, dass auch ernsthafte Konflikte zwischen Staaten ohne direktes Abkommen unwahrscheinlich sind, solange sie indirekt durch einen Verbündeten miteinander in Beziehung stehen.

Tatsächlich reicht diese friedensstiftende Wirkung sogar noch eine Stufe weiter, ohne schwächer zu werden: Nationen führen demnach seltener Kriege mit ihren Verbündeten, mit den Verbündeten ihrer Verbündeten und den Verbündeten der Verbündeten ihrer Verbündeten, so Skyler Cranmer, führende Autorin der Studie.

Die beteiligten Wissenschaftler waren selbst überrascht



Die beteiligten Wissenschaftler waren selbst überrascht, dass die Stärke der Wirkung, die von den indirekten Beziehungen ausgeht, erst abnimmt, sobald eine Verbindung den dritten Grad überschreitet. Zuvor vermuteten sie, die Konfliktwahrscheinlichkeit nehme mit jedem Grad an abnehmender Verbundenheit zu, erklärt Co-Autorin Aisha Bradshaw.

Die Ergebnisse zeigen, dass das Risiko eines neuen Konfliktes unter zwei Nachbarländern zwischen drei und vier Prozent lag, wenn die Nationen bis zum dritten Grad miteinander verbündet waren. Die Wahrscheinlichkeit verdoppelte sich, wenn dieser Grad der Verbundenheit überstiegen wurde, die Staaten also nur noch über drei oder mehr Länder miteinander in Beziehung standen. Damit bildet sich eine unsichtbare Linie zwischen dem dritten und vierten Grad an Verbundenheit, ab der sich das Konfliktrisiko zwischen Staaten drastisch erhöht.

Doch worin liegt der signifikante Unterschied zwischen Freunden von Freunden und "Fremden"? Um das herauszufinden, teilten die Politikwissenschaftler die Welt in verschiedene Gemeinschaften von Nationen ein. Eine Gemeinschaft von Nationen wurde als eine Gruppe von Ländern definiert, die durch ihre Bündnisse stärker miteinander verbunden sind, als sie es außerhalb der Gemeinschaft wären.

Alle Länder, die über nur vier oder mehr Grade verbunden sind, sind fast immer auch in unterschiedlichen Netzwerken aktiv



Die Forscher fanden heraus, dass fast alle Mitglieder jeder dieser Gemeinschaften über höchstens zwei Länder (Verbundenheit dritten Grades) miteinander in Verbindung standen. Das erklärt, warum die Konfliktwahrscheinlichkeit für diese Länder so viel niedriger war. "Nicht jedes Mitglied einer Gemeinschaft ist notwendigerweise an jedes andere Mitglied gebunden, aber es gibt normalerweise einen kurzen und klaren Weg zwischen ihnen allen", erklärt Cranmer dieses Phänomen.

Alle Länder, die lediglich über vier oder mehr Grade Beziehungen zueinander pflegten, waren fast immer in verschiedenen Netzwerken aktiv. Das erhöht die Konfliktwahrscheinlichkeit zwischen den Ländern stark, da diese keine gemeinsame Interessen mehr vertreten.

Damit spielt das Bilden von Netzwerken zwischen Staaten für die internationalen Beziehungen eine sehr große Rolle. Die Studie stärkt die friedensstiftende Bedeutung großer Allianzen wie der Nato: "Ein Bündnis zwischen zwei Ländern kann in einer größeren Gruppe von Ländern wahrscheinlicher werden als allein zwischen den beiden Ländern", so Skyler Cranmer.

Dieser Beitrag erschien in der siebten Ausgabe von KATAPULT. Unterstützen Sie unsere Arbeit und abonnieren Sie das gedruckte Magazin für nur 19,90 Euro im Jahr.



[1] Vgl. URL: http://advances.sciencemag.org/content/3/3/e1601895.full.



13.11.2017

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