Wirtschaftspsychologie
Warum coole Büros nutzlos sind

Geschäftsführer geben immer öfter Geld für Trendgetränke, Spielekonsolen, Kicker und andere Spaßgeräte aus, um ihre Arbeitnehmer glücklich zu machen. Das funktioniert nicht.

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Bürospielzeuge sollen die Kreativität steigern und den Arbeitsplatz angenehmer gestalten. Daher werden sie von immer mehr Firmen gekauft - aber von den Arbeitnehmern kaum genutzt. Nachdem er einmal ausprobiert wurde, nimmt den ferngesteurten Hubschrauber mit Schussfunktion niemand mehr in die Hand. Nur vier bis sieben Prozent aller Arbeitnehmer geben an, mit dem gekauften Bürospielzeug tatsächlich zu spielen.

86 Prozent der Befragten fanden, dass Spaßgeräte im Büro keinen Wert für sie haben



Jedes vierte Startup hat einen Kickertisch im Büro.1 Große Unternehmen machen das mittlerweile auch und installieren gelegentlich sogar Cocktailbars, Fitnessräume oder Tennis- und Fußballplätze im Büro. Das Problem daran: Arbeitnehmer finden das zwar manchmal nett, aber als wirklich wichtig erachten sie andere Dinge.

In einer Studie wurden 1.000 britische Büroarbeiter dazu befragt, was ihre Stimmung am Arbeitsplatz steigert.2 Ergebnis: 86 Prozent der Befragten fanden, dass Spaßgeräte im Büro keinen Wert für sie haben. Ganze 25 Prozent waren davon sogar genervt. Arbeitnehmer brauchen mehr als Spielzeuge. Sie wollen nicht zwingend in einer Hängematte arbeiten oder Krisensitzungen im Bällebad abhalten. Die meisten haben einfache Wünsche.



Sie legen beispielsweise mehr Wert auf Bildschirmprivatheit, also einen Arbeitsplatz, bei dem andere nicht sofort auf ihren Bildschirm sehen können. Im Vereinigten Königreich wünschen sich das 74 Prozent der Arbeitnehmer. Besonders heikel sind Arbeitsplätze, von denen aus der Eingangsbereich nicht gesehen werden kann. Es gehört zur Privatheit dazu, zu wissen, wer sich gerade im gleichen Raum aufhält. 79 Prozent aller Arbeitnehmer möchten deshalb ungerne mit dem Rücken zur Tür sitzen.

Was mittlerweile viele Firmen bereitstellen, ist gutes Arbeitslicht. Das ist sinnvoll, denn die Studie zeigt: 63 Prozent legen Wert auf ein natürliches Licht beim Arbeiten und einen Blick nach draußen. Dabei spielt es keine Rolle, was sie draußen sehen, hauptsache, sie haben die Möglichkeit, jederzeit aus dem Fenster zu sehen.

Vollkommen getrennte Büros erzeugen eine negative Atmosphäre, weil sie Hierarchien schaffen



In den letzten Jahren wurden in Büros die Wände eingerissen, Großraumbüros haben Vielraumbüros ersetzt. Viele Firmen trennen die Arbeitsplätze in diesen großen Räumen lediglich durch kleine mobile Wände oder Pflanzen. Tatsächlich wünschen sich das auch 71 Prozent der Mitarbeiter. Vollkommen getrennte Büros erzeugen eher eine negative Atmosphäre, weil sie Hierarchien schaffen. Dieses Gefühl wird zusätzlich durch unterschiedliche Bürogrößen und deren Ausstattung gesteigert. Ein offenes Büro verbessert hingegen die Kommunikation und wirkt deshalb auch gegen die Verbreitung von Gerüchten und die Ausgrenzung einzelner Mitarbeiter.



Ein Büro wie eine Sauna
Das heißt jedoch nicht, dass ein offenes Büro jederzeit am besten funktioniert. Es gibt auch Arbeitsphasen, in denen jemand absolute Ruhe benötigt. Eine große Mehrheit von 93 Prozent möchte die Möglichkeit haben, bei Bedarf auch in einem gesonderten Raum zu arbeiten. In diesem Sinne sollte ein Büro eher wie eine Sauna aufgebaut sein und kommunikative Bereiche wie auch Ruheräume anbieten.

Ein Büro, in dem Pflanzen stehen, wird zusätzlich als angenehmer empfunden. Über 58 Prozent aller Mitarbeiter finden Pflanzen wichtig. Auch einfache Dinge wie hochwertige Möbel entscheiden darüber, ob sich ein Mitarbeiter dauerhaft wohlfühlt. Diese müssen der Studie zufolge nicht im Trend oder "cool" sein, sondern einfach nur bequem.

Laut einer Umfrage hat der Reisedienstleister "Expedia" die beste Arbeitsplatzatmosphäre Großbritanniens geschaffen



Alkohol und Reisen - alles kostenlos
Laut einer Umfrage der Arbeitsvermittlung "Glassdoor" hat der Onlinereisedienstleister "Expedia" die beste Arbeitsplatzatmosphäre Großbritanniens geschaffen.3 Die Umfrage wurde anonym unter den Mitarbeitern der bewerteten Unternehmen durchgeführt, weshalb ihre Ergebnisse als glaubhaft gelten.

Was macht Expedia besser? Es lässt seine Angestellten beispielsweise kostenlos reisen. Etwa 6.600 bis 11.000 Euro darf jeder pro Jahr für Reisen ausgeben, ohne selbst dafür aufkommen zu müssen. Im Empfangsbereich finden sich endlos viele kleine Fotos, geschossen von den Mitarbeitern während ihres Urlaub, der von Expedia bezahlt wurde. Besonders außergewöhnlich ist, das Expedia seinen Angestellten kostenlos Alkohol zur Verfügung stellt.

Viele Firmen geben zu viel Geld für oberflächliche Gesten aus und investieren zu wenig in echte Bürokultur. Was bei Überlegungen zur richtigen Büroausstattung nicht vergessen werden darf: Wirklich glücklich machen einer US-amerikanischen Studie zufolge gute Löhne, Karriereaussichten, Respekt und Vertrauen.4 Arbeitnehmer, die das alles nicht bekommen, freuen sich auch nicht über ein tolles Büro.

Dieser Beitrag erschien in der siebten Ausgabe von KATAPULT. Unterstützen Sie unsere Arbeit und abonnieren Sie das gedruckte Magazin für nur 19,90 Euro im Jahr.  




[1] Vgl. Kollmann, Tobias u.a.: Deutscher Startup Monitor 2016, Berlin 2016.
[2] Vgl. o.A.: Hammocks and ping pong tables going into storage - Is this the end of the 'fun' startup office?, auf: kiwimovers.co.uk (15.2.2017).
[3] Rangliste "Best Places to Work", abrufbar unter URL: glassdoor.co.uk.
[4] Society for Human Resource Management (Hrsg.): Employee Job Satisfaction and Engagement 2016, auf: shrm.org.




01.10.2017

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