Deutsch-israelische Beziehungen
Kritik ≠ Antisemitismus

Der Holocaust belastet die Beziehung zwischen Deutschland und Israel nach wie vor. Doch wie bewerten das die beiden Gesellschaften 70 Jahre nach Kriegsende? Ein Kommentar von SARAH PODSZUCK

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Im Mai 2015 jährten sich die diplomatischen Beziehungen zwischen Deutschland und Israel zum fünfzigsten Mal. Das Verhältnis ist zwar mittlerweile freundschaftlich – aber nach wie vor zerbrechlich.

Bei dem Besuch des Bundespräsidenten Joachim Gauck Anfang Dezember 2015 betonte der israelische Präsident Rivlin die schwierigen und komplexen Beziehungen, die niemals einfach sein werden.1

Die besondere Verbindung zwischen den beiden Ländern wurde bereits 2008 deutlich, als Angela Merkel vor der Knesset2 die Sicherheit Israels zur deutschen Staatsräson erklärte. Die Gewährleistung der israelischen Sicherheit ist für die Bundeskanzlerin demnach niemals verhandelbar. Dies ergebe sich aus der historischen Verantwortung Deutschlands.3

Was genau damit gemeint ist, bleibt offen. Deutlich wird hingegen, dass ein außenpolitischer Schwerpunkt gesetzt werden sollte. Die Aufarbeitung der Judenverfolgung während des Nationalsozialismus und vor allem die daraus resultierende politische und moralische Verpflichtung ist und bleibt oberste Priorität des deutschen Staates. Diese Prämisse ist bekannt.

Weitaus unpopulärer ist die Einstellung der deutschen und der israelischen Gesellschaft – sowohl sich selbst, als auch der jeweils anderen gegenüber. Welche Rolle spielt der Holocaust für Deutsche und jüdische Israelis heute noch?

Holocaust als Identifikationsstifter
Für die Bewältigung der Judenverfolgung spielt die nationale Identität der israelischen Juden eine zentrale Rolle. Neunzig Prozent der befragten israelischen Juden stimmen laut einer Studie4 der Bertelsmann Stiftung der Aussage zu, dass die nationale Zugehörigkeit ein wichtiger Teil ihrer persönlichen Identität ist. Bei drei Vierteln der Befragten ist die Zustimmung sogar sehr stark. Die deutschen Befragten sind hierbei zurückhaltender. Nur 40 Prozent stimmen völlig zu, wobei 80 Prozent diese Aussage grundsätzlich unterstützen.

Auch hinsichtlich des moralischen Selbstverständnisses der eigenen Nation sind die Deutschen vorsichtiger. Von allen deutschen Befragten stimmten 40 Prozent der Aussage "völlig" oder "ziemlich" zu, dass Deutschland im Vergleich zu anderen Ländern eine sehr moralische Nation ist (moralische Überlegenheit). Selbstbewusster sind da die Israelis: 62 Prozent von ihnen sind der Meinung, dass ihre Nation anderen moralisch überlegen ist.

Wenn es um die Aufarbeitung des Holocaust geht, so sprechen sich 77 Prozent der Deutschen dafür aus, dass man die Geschichte ruhen lassen und sich aktuellen Problemen widmen sollte. Demgegenüber befürworten nur 54 Prozent der jüdischen Israelis diese Aussage. Der Anteil der israelischen Juden, für die die Judenverfolgung nicht der Vergangenheit angehört, ist seit 1991 sogar leicht angestiegen.5

Ursachen für den Nationalsozialismus: Wirtschafts- oder Charakterfrage?
Die hohe Zustimmung der Deutschen deutet darauf hin, dass die Befragten den Holocaust zwar als dunkles Kapitel ihrer Geschichte anerkennen, sie dieses aber nicht als Teil ihrer Identität sehen.

Indem 77 Prozent der befragten Israelis jedoch der Ansicht sind, dass das Abschließen mit der Vergangenheit falsch wäre,6 wird deutlich, welche besondere Position der Holocaust für sie einnimmt. Er bildet die Rechtfertigung für die Gründung des Staates Israel. Dieser wiederum stellt die zentrale Überlebensgarantie für die jüdische Bevölkerung dar.

Die vermuteten Ursachen für den Nationalsozialismus und den Holocaust werden von den Deutschen und den Israelis ganz unterschiedlich ausgelegt. Während die Deutschen größtenteils einen externen Faktor – die schlechte Wirtschaftslage – als ausschlaggebend anführen, sehen über die Hälfte der Israelis (54 Prozent) die Ursache im Charakter der Deutschen und sogar 67 Prozent in einer deutschen Autoritätshörigkeit. Von israelischer Seite werden die Ursachen demnach auf Persönlichkeitseigenschaften zurückgeführt.



Im Kontrast dazu steht die aktuelle Einstellung zum jeweils anderen Land: 68 Prozent der Israelis haben eine insgesamt positive Meinung von den Deutschen. Zwölf Prozent geben sogar an, dass sie diesen "sehr positiv" gegenüberstehen. Bei den befragten Deutschen vertreten nur knapp die Hälfte (46 Prozent) eine positive Meinung gegenüber Israel. Lediglich vier Prozent bewerten das Land als "sehr positiv".

Israelischer Nationalismus?
Die Studie zeigt deutlich, wie sehr der Holocaust sowohl die Bewertung der eigenen Gesellschaft als auch die der jeweils anderen bestimmt. Bei den Deutschen trägt die Geschichte des eigenen Landes dazu bei, dass der Stolz auf die eigene Nation oder schon die Identifikation mit dem eigenen Staat immer noch als befremdlich, wenn nicht sogar als nationalistisch bewertet werden. Eine Ausnahme bilden sportliche Wettkämpfe wie Fußballweltmeisterschaften oder die Olympischen Spiele. Zu diesen Ereignissen wird das Mitsingen der deutschen Nationalhymne nicht als befremdlich empfunden.

Hinsichtlich des Nationalgefühls bewirkte die Verfolgung der Juden, dass die Bindung der Israelis zur eigenen Nation heute sehr stark ist. Das ist eine verständliche Entwicklung. Dennoch ist die moralische Abwertung anderer Nationen – immerhin spricht sich die deutliche Mehrheit für eine moralische Überlegenheit Israels aus – keine Einstellung, die man gutheißen sollte. An dieser Stelle wird Patriotismus zu Nationalismus, was wiederum politische Prozesse und die Lösung von Konflikten erschwert. Ist diese Einstellung vieler jüdischer Israelis womöglich ein Grund für die immer wiederkehrende Eskalation des Nahost-Konflikts (Palästinenser gegen Israelis)?

Das mag eine gewagte These sein. Sicher ist, dass die andauernde Feindschaft auf mehrere Faktoren zurückzuführen ist: unter anderem die Ausdehnung des jüdischen Siedlungsgebiets, aber vor allem die Überzeugung Israels, das Recht dazu zu haben. Damit verbunden ist der Kampf um die "eigene" Staatlichkeit.

Deutsche Kritik ist kein Antisemitismus
Weitere Gründe sind die religiösen Unterschiede (Juden und Muslime) und das "Hochschaukeln" der Gewalt durch gegenseitige Schuldzuweisung. Das Ergebnis: anhaltende und im letzten Jahr sogar zunehmende Gewalt zwischen beiden Parteien.

Eine Lösung des Konflikts ist daher nur möglich, wenn sowohl auf staatlicher (politischer) als auch auf gesellschaftlicher Ebene ein Umdenken stattfindet. Dabei ist die Einsicht beider Seiten notwendig – der palästinensischen und der israelischen. Wichtig ist demnach nicht, dass der Papst wieder einmal zum Frieden im Nahen Osten aufruft, sondern, dass Israel seine Siedlungspolitik nicht ungehemmt weiterführt. Dies kann nur durch deutliche und öffentliche Kritik von Vertretern der für Israel wirtschaftlich oder moralisch bedeutsamen Staaten erfolgen.

Die USA als traditionell engster Verbündeter scheut sich vor klaren Worten. Sie werden die freundschaftliche Beziehung und den Einfluss, den sie dadurch im Nahen Osten haben, nicht aufs Spiel setzen. Zwar ist die Verbindung zu Deutschland eine besondere, aber auch aus wirtschaftlicher Sicht ist sie äußerst wichtig: Deutschland ist für Israel innerhalb der EU der wichtigste Handelspartner.

Seine engen Verbindungen sollte Deutschland nutzen, um endlich klare Worte zu finden und vor allem: finden zu dürfen. Doch aufgrund der Geschichte scheint die Beziehung zwischen Deutschland und Israel noch immer so zerbrechlich, dass jede kritische Äußerung Deutschlands gegenüber der aktuellen Politik Israels nicht anhand des aktuellen Kontextes, sondern vor dem historischen Hintergrund bewertet wird. Deutsche Politiker – allen voran Kanzlerin Merkel und Außenminister Steinmeier – meiden jede Auseinandersetzung mit Israel. Allerdings ist Kritik nicht mit Provokation gleichzusetzen. Israel scheint dies oftmals anders zu werten.



[1] Vgl. URL: https://www.tagesschau.de/ausland/gauck-311.html, 11.01.2016.
[2] Parlament des Staates Israel.
[3] Vgl. URL: http://www.bpb.de/apuz/199894/israels-sicherheit-als-deutsche-staatsraeson, 11.01.2016.
[4] Die Studie "Deutschland und Israel heute. Verbindende Vergangenheit, trennende Gegenwart?" wurde durchgeführt von der Bertelsmann Stiftung. Im Rahmen von Telefoninterviews im Jahr 2013 und 2014 wurden jeweils 1.000 Deutsche und 1.000 jüdische Israelis befragt.- URL der Studie: https://www.bertelsmann-stiftung.de/fileadmin/files/BSt/Publikationen/GrauePublikationen/Studie_LW_Deutschland_und_Israel_heute_2015.pdf, 11.01.2016.
[5] Vgl. Studie "Deutschland und Israel heute. Verbindende Vergangenheit, trennende Gegenwart?", S. 26.
[6] Genauer Wortlaut der Frage in der Studie: "Heute, beinahe 70 Jahre nach Kriegsende, sollten wir nicht mehr so viel über die Judenverfolgung reden,sondern endlich einen Schlussstrich unter die Vergangenheit ziehen. Halten Sie diese Aussage für richtig oder falsch?"


12.01.2016
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Kommentare


Wolfgang Höfft   00:22 Uhr 27.01.2016

Wenn "die Deutschen größtenteils einen externen Faktor – die schlechte Wirtschaftslage – als ausschlaggebend für den Nationalsozialismus und den Holocaust anführen", und über die Hälfte der Israelis (54 Prozent) die Ursache für den Holocaust im Charakter der Deutschen und sogar 67 Prozent in einer deutschen Autoritätshörigkeit sehen, so weist dies unzulängliche Geschichtskenntnisse aus.

Weder ist die Wannsee-Konferenz, auf der Hitler den Holocaust befahl, eine Veranstaltung "der Deutschen", noch hat die Hitler-geführte NSDAP zu der Zeit, als neben der NSDAP noch andere Parteien zum Reichstag zugelassen waren, je die Zustimmung der Mehrheit der Wahlbürger oder auch nur der gültig abgegebenen Stimmen erhalten.

In der Reichstagswahl am 5. März 1933, wenige Tage nach dem von den Nazis angezettelten und den Kommunisten in die Schuhe geschobenen Reichstagsbrand, der letzten Wahl vor dem Ermächtigungsgesetz, erreichte die NSDAP mit 43,9 Prozent ihr höchstes jemals erreichtes Wahlergebnis.

Für diese Minderheit von 43,9 % der deutschen Wähler hat, so unerfreulich deren Zustimmung zur NSDAP auch an sich schon war, in 1933 der Holocaust definitiv keine Rolle gespielt. Denn dies Projekt war von Hitler in diesem frühen Zeitpunkt nicht andeutungsweise veröffentlicht und nicht andeutungsweise zum Inhalt des Parteiprogramms der NSDAP gemacht war.

Design und Umsetzung, bzw. Beschluß und Ausführung des Holocaust beruhten weder auf einem "externen Faktor – der schlechten Wirtschaftslage", noch auf dem Willen "der Deutschen", sondern ausschließlich auf dem Willen einer einzigen Person, die die Deutschen dazu nicht um Zustimmung gebeten hat und die durch Notstandsverordnung des Präsidenten Hindenburg ohne Mitwirkung des Parlaments zum Reichskanzler berufen und auf diese Weise zum Herrn über die gesamte Exekutive des Reichs (und der Länder)eingesetzt war.

Darin einen Charakterfehler "der Deutschen" sehen zu wollen, ist absurd.

Ebenso wenig ist es fair, den zahlreichen deutschen Widerstandsinitiativen gegen Hitler moralisch zur Vorwurf zu machen, daß sie nicht kraftvoll genug und damit letztlich nicht erfolgreich waren.

Denn angesichts der Perfektion der totalitären Spionage der GeStaPo, die nahezu jeden derartigen Versuch im Anfangsstadium aufdeckte, konnte es nicht gelingen, eine solidarische Massenbewegung gegen Hitler zu organisieren und ein Vorhaben gegen Hitler zum Erfolg zu führen.

Daß es trotzdem versucht wurde, war heldenhaft, wenn auch stets tragisch.

Bei dieser Faktenlage die Ursache für das von einem Einzigen unter skrupellosem Einsatz seiner exklusiven Herrschaft über Polizei und Militär eines 80-Millionen-Staates durchgesetzte Massaker Holocaust "im Charakter der Deutschen" sehen zu wollen, wie es demoskopisch in Israel ermittelt ist, hat geradezu verleumderischen Charakter.

Oder wollen die 54 Prozent der Israelis, die im Charakter der Deutschen die Ursache für das Judenmassaker sehen, die Deutschen in rassistischer Deutungsmanier als genetisch bzw. rassisch determiniert zum Massaker an Juden einstufen?

Hier gibt es gerade in Israel Anlaß, ein Weltbild zu überarbeiten.





Katapult-Redaktion   13:15 Uhr 12.01.2016

Hallo André,
danke für deinen Hinweis. Wir haben es soeben geändert.

Danke auch für dein Lob!

Liebe Grüße,
die Redaktion





André   11:44 Uhr 12.01.2016

Interessanter Artikel! Wie immer klasse aufbereitet. Eine Anmerkung:

"Zu diesen Ereignissen bereitet das Mitsingen der deutschen Nationalhymne nicht als befremdlich empfunden."

Da ist etwas schief gegangen. ;)



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