Voluntourismus
Geschäftsmodell Entwicklungshilfe

Kurzzeitige Freiwilligeneinsätze in den Semesterferien, im Sabbatjahr oder gar im Sommerurlaub boomen. Klingt nach Entwicklungshilfe – doch wem hilft der Einsatz tatsächlich? In erster Linie wohl den privaten Vermittlern und Reiseanbietern, die daraus ein Geschäftsmodell entwickelt haben. Von ANTJE MONSHAUSEN

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Eine Zeit im Ausland zu verbringen und dabei den Alltag der Menschen in einem anderen Land mitzuerleben, ist eine eindrückliche und sehr bereichernde Erfahrung: Menschen, die als Freiwillige für eine Organisation in einem Entwicklungsland gearbeitet haben, werden nicht nur mit intensiven Erinnerungen zurückkehren.

Oft hat sich auch ihr Blick auf die Welt verändert: Wer selbst sehen konnte, wie junge Männer in Guatemala – manche noch Kinder im Alter von 12 oder 13 Jahren – morgens um 4:30 Uhr zur Zuckerrohrernte fahren und rußgeschwärzt am Abend um 20 Uhr zurückkehren, wird wohl eher zu fair gehandeltem Zucker greifen, um Plantagenarbeitern existenzsichernde Löhne, Zugang zu sozialer Sicherung und den Kindern Bildungschancen zu ermöglichen.

Der Einsatz von Freiwilligen wirkt also nicht nur während des Aufenthalts in Entwicklungs- und Schwellenländern selbst, sondern – vermutlich in weit größerem Maße – nach ihrer Rückkehr. Ob diese Potentiale zum globalen Lernen genutzt werden und Freiwillige mit einer erweiterten Perspektive auf die Welt schauen, ist bei vielen der Angebote auf dem immer schneller wachsenden Markt allerdings fraglich. Denn zunehmend unterliegen die Angebote tourismuswirtschaftlichen Zwängen: Sie orientieren sich vor allem am Kunden und seinen Wünschen nach abwechslungsreichen und voraussetzungsarmen Einsätzen – die Interessen und Vorstellungen der Menschen vor Ort fallen so leicht unter den Tisch.

Der Trend geht – übrigens genau wie im "normalen" Tourismus – zum "kürzer, schneller, weiter". Die Erlebnisse sollen immer exotischer und abenteuerlicher werden. Jeder soll mitmachen können, ohne Vorerfahrungen oder Eignungsprüfungen.

 

Voluntourismus – ein boomendes Tourismussegment
Schätzungen gehen davon aus, dass in Deutschland mittlerweile etwa 30.000 Menschen1 jährlich zu einem Freiwilligeneinsatz ins Ausland starten – Tendenz steigend. Darunter befinden sich etwa 7.000 junge Erwachsene, die in staatlich geförderten und intensiv vorbereiteten und begleiteten Programmen einen sechs- bis 24-monatigen Freiwilligendienst absolvieren. Ihre Zahl wächst langsam, auch weil die Anzahl der Einsatzplätze begrenzt ist.

Ein starkes Wachstum erfahren hingegen die kürzeren Einsätze, die sowohl von kommerziellen als auch von gemeinnützigen Sendeorganisationen angeboten werden. Genaue Zahlen liegen nicht vor, weil viele Freiwillige – obwohl in einigen Ländern verboten – mit einem Touristen- anstatt mit einem Freiwilligen- oder Arbeitsvisum einreisen und so der Zweck ihres Auslandsaufenthaltes nicht eindeutig zuzuordnen ist. Genauso wenig ist klar, wie viele Voluntourismus-Anbieter eigentlich existieren. Dass es viele sind und die Branche stark wächst, zeigt sich aber, wenn man die Gründungsjahre der Agenturen anschaut. Von 23 zufällig ausgewählten Anbietern, die in den Suchmaschinen weit oben geführt werden, ist die Hälfte jünger als zehn Jahre.



Ungenutzte Potentiale, unterschätzte Risiken
Bei immer mehr neuen Angeboten, die vor allem im kommerziellen Bereich auf den Markt kommen, hat entwicklungspolitisches Lernen durch intensive Vor- und Nachbereitung kaum Platz – genauso wenig wie effektiver Kindesschutz und die Zusammenarbeit auf Augenhöhe mit den lokalen Organisationen. Dabei sind gerade das wichtige Kriterien für wirksame und verantwortungsvolle Freiwilligenarbeit. In der Branche des sogenannten "Voluntourismus", den Anbieter selbst auch gerne "flexible Freiwilligenarbeit" nennen, sind diese Standards aber noch lange nicht etabliert. Dabei existieren bereits Zertifizierungen sowohl im geregelten Freiwilligendienst als auch für Nachhaltigkeit im Tourismus.

Einige Anbieter beginnen nun, sich mit der Kritik auseinanderzusetzen. Doch es gilt genau hinzuschauen, ob sich hinter der Nachhaltigkeits- und Verantwortungsrhetorik auch wirklich sinnvollere Angebote verbergen. Viele Anbieter, ob kommerziell oder gemeinnützig, können sich noch viel zu leicht darauf verlassen, dass es genügend Interessenten gibt, die nicht so genau hinschauen. Zum bisher erfolgreichen Geschäftsmodell gehören auch armutsorientiertes Marketing mit großen Kinderaugen. "Du möchtest die Welt retten – dann komm mit uns und hilf den Armen", ist eine immer wieder anzutreffende Werbebotschaft. Sie verstärkt neokoloniale Klischees eher, als sie abzubauen, indem sie die Menschen vor Ort zu hilflosen Bittstellern degradiert.

Voluntourismus in der Praxis – Defizite bei der Umsetzung
Auswahl und Vorbereitung der Freiwilligen spielen eine wichtige Rolle bei der Frage, ob es jeweils passende Einsatzprojekte für sie gibt. Trotzdem werben einige Anbieter damit, dass sie für jeden Kunden einen Einsatzplatz finden. Viele verzichten auf formale Auswahlprozesse wie Vorstellungsgespräche oder die Auswertung von Motivationsschreiben und Lebensläufen. Im Jahr 2014 hat Tourism Watch von Brot für die Welt gemeinsam mit der Kinderrechtsorganisation ECPAT und dem Schweizer Arbeitskreis Tourismus und Entwicklung 44 Angebote von 23 Anbietern mit ihren öffentlich zugänglichen Informationen im Internet ausgewertet.2 Gerade einmal ein Anbieter verwies auf seiner Internetseite auf ein Bewerbungsgespräch. Vorbereitungskurse vor der Abreise sind eher selten und fast immer kostenpflichtig und freiwillig. Angebote zur Nachbereitung der Einsätze existieren gar nicht.

Weitere Defizite liegen in der Zusammenarbeit mit den aufnehmenden Organisationen vor Ort, die immer wieder von wenig Mitsprache bei der Programmentwicklung und dem Einsatz der Freiwilligen berichten. Ihre Erwartungen in Bezug auf finanzielle Unterstützung durch die Freiwilligen erfüllen sich nicht immer. Im schlimmsten Fall kann es sogar zur Verdrängung von lokalen Arbeitsplätzen kommen, weil Freiwillige kostenfrei ihre Unterstützung anbieten in Bereichen, in denen auch Menschen vor Ort Arbeit suchen. Andersherum können im Idealfall auch neue Arbeitsplätze geschaffen werden, weil die Betreuung von Freiwilligen vor Ort Jobs schafft.



Kinderprojekte sind bei Freiwilligen besonders beliebt – oft aber auch besonders problematisch. Während in Deutschland hohe Hürden für Praktika in Kindergärten und Schulen existieren, können im Ausland Freiwillige ohne Vorerfahrung mit Kindern als Lehrer und Betreuer arbeiten und das auch für sehr kurze Einsatzzeiten von einigen Tagen. Darüber hinaus sind Kindesschutzmaßnahmen in der Branche extrem selten. Das ist besonders dramatisch, da aktuelle Zahlen der internationalen Kinderrechtsorganisation ECPAT (End Child Prostitution, Child Pornography & Trafficking of Children for Sexual Purposes) belegen, dass in Großbritannien und den Niederlanden etwa jeder fünfte bekannte Fall von sexueller Ausbeutung von Kindern im Ausland durch Freiwillige oder im Rahmen von Entwicklungs- und Hilfseinsätzen begangen wurde.3

Waisenhauseinsätze können Familien zerstören
Problematisch ist auch, dass weiterhin Hilfseinsätze in Kinderheimen und Waisenhäusern angeboten werden, obwohl diese Einrichtungen nachweislich in vielen Ländern nur zum Zweck der Freiwilligeneinsätze und für Touristenbesuche gebaut wurden. Beispielsweise befinden sich 80 Prozent der Waisenhäuser Nepals im Umfeld der drei wichtigsten Touristenorte.4 Profiteure sind nicht zuletzt Menschenhändler, die Kinder aus armen Familien mit dem Versprechen von Bildung und einem besseren Leben holen. Die Mehrheit der vermeintlichen Waisenkinder beispielsweise in Nepal, Ghana, Südafrika, Kambodscha oder Guatemala haben noch lebende Elternteile und werden in diesen Heimen ihrer Kindheit in ihren Familien beraubt.5

Immer mehr Anbieter nehmen aufgrund des öffentlichen Drucks nun offiziell Waisenhauseinsätze aus dem Programm. In den Angebotsbeschreibungen finden sich aber unter anderen Namen weiterhin Angebote zu Einsätzen in Einrichtungen, in denen Kinder dauerhaft untergebracht sind – mit allen Risiken, die auch mit Waisenhäusern verbunden sind.

Alternativen zum Voluntourismus
Voluntourismus findet zunehmend Eingang in den Alltag junger Menschen: Gemeinnützige und kommerzielle Institutionen bieten ihre Reiseangebote mittlerweile in bunten Katalogen an, die zum Beispiel in Schulen und Jugendklubs ausliegen. Einige Jugendliche und deren Eltern fühlen einen immensen Druck, auch um jeden Preis Auslandserfahrungen im Rahmen von "Entwicklungsprojekten" zu sammeln – je mehr desto besser.

Dabei gibt es sinnvollere Alternativen: Für junge Erwachsene stellen die geregelten Freiwilligendienste, die zum Beispiel im Rahmen des "weltwärts"-Programms von gemeinnützigen Organisationen durchgeführt werden, grundsätzlich eine sinnvolle Option dar. Bei den Programmen stehen die Lernerfahrungen im Vordergrund. Die lange Dauer und intensive Vor- und Nachbereitung macht diese Art von Freiwilligenarbeit besonders wertvoll.

Je nach Motivation und insbesondere bei knappen Zeitressourcen gibt es aber auch andere Möglichkeiten: Voluntourismus-Interessierte, denen es wichtig ist, einen Beitrag zur Armutsbekämpfung zu leisten und lokale Projekte zu unterstützen, sollten Angebote wählen, durch die ein möglichst hoher Anteil des Reisepreises im Zielland verbleibt. Zusätzlich können sie vertrauenswürdige Entwicklungsorganisationen vor Ort oder hierzulande finanziell unterstützen.

Viele Voluntouristen und -touristinnen wollen aber auch etwas Besonderes erleben und einen Einblick in die Lebenssituation der Menschen in Entwicklungsländern gewinnen. Beides ist durch den Besuch selbstverwalteter, dörflicher Tourismusinitiativen mit ihren oft sehr authentischen Rahmenprogrammen möglich. Sie ermöglichen tiefere Einblicke und Lernerfahrungen. Wer hingegen selbst aktiv werden und praktische Erfahrungen in sozialer Arbeit oder beim Umweltschutz sammeln will, der kann sich auch hierzulande engagieren. Das kann eine gute Vorbereitung sein, um sich später auch im Ausland sinnvoll einzubringen.



[1] Vgl. URL: wegweiser-freiwilligenarbeit.com.
[2] Vgl. Brot für die Welt u.a. (Hrsg.): Vom Freiwilligendienst zum Voluntourismus. Herausforderungen für die verantwortungsvolle Gestaltung eines wachsenden Reisetrends, Berlin u.a. 2015.
[3] ECPAT International: Offenders on the Move. Global Study on Sexual Exploitation of Children in Travel and Tourism, Bangkok 2016.
[4] Pattisson, Pete: Nepal's bogus orphan trade fuelled by rise in 'voluntourism', auf: theguardian.com (27.5.2014).
[5] Verschiedene Studien von Unicef und dem Netzwerk "Better Volunteering, Better Care".


16.01.2017

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